Arbeiterkind

Auch als Arbeiterkind im Job durchstarten: Ein Interview mit Katja Urbatsch

Bist du das erste Mitglied deiner Familie, das studiert hat oder eine ganz klassische Karriere verfolgt? Dann bist du womöglich ein Arbeiterkind. Arbeiterkinder stammen aus einer Familie von Nicht-Akademikern und haben auf dem Arbeitsmarkt häufig wenig Chancen. Warum das so ist und mit welchen Strategien du auch als Arbeiterkind im Job durchstarten kannst, verrät dir Katja Urbatsch, die Gründerin und Geschäftsführerin der Plattform ArbeiterKind.de, in unserem Interview.


kununu: Was ist überhaupt ein Arbeiterkind? Welche Erwartungen und Vorurteile hat man an Arbeiterkinder?

Katja Urbatsch: Unter dem Begriff Arbeiterkind verstehen wir von ArbeiterKind.de jemanden, dessen Eltern nicht studiert haben. Oftmals wird an sie, unter anderem von der Familie, aber auch von Lehrkräften die Erwartung gestellt, dass sie denselben Weg wie ihre Eltern einschlagen. Daher unterstützen Nicht-Akademikerfamilien häufig den Weg Richtung Berufsausbildung, da ihnen dieser Weg durch eigene Erfahrung vertraut ist. Zudem herrscht oft das Vorurteil, dass Arbeiterkinder den Anforderungen an einer Hochschule nicht gewachsen sind. Doch sind alle, die sich eine Hochschulzugangsberechtigung erarbeitet haben – sei es über das Abitur, nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder einen Nachweis der Studierfähigkeit –, grundsätzlich für ein Studium geeignet, und zwar ganz unabhängig davon, welchen Bildungshintergrund die Eltern haben.


„Masterarbeit – keine Chance für Arbeiterkinder.“ – kununu Bewerbungsbewertung bei BMW Gruppe


kununu: Welche Herausforderungen erwarten ein Arbeiterkind im persönlichen und beruflichen Leben? Wo unterscheidet sich der Werdegang vielleicht von anderen Kindern bzw. Menschen?

Katja Urbatsch: Der Werdegang eines Arbeiterkindes kann sich deutlich von dem der Akademikerkinder unterscheiden. Denn die Bildungslaufbahn ist in Deutschland immer noch eng mit dem Elternhaus verknüpft: Von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien nehmen nur 27 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur bestehen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen 79. (Quelle: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zur Hochschulbeteiligung in Deutschland, 7. Mai 2018). Das hat zum einen damit zu tun, dass viele – bewusst oder unbewusst – dem Rollenvorbild ihrer Eltern folgen und Arbeiterkinder ein Studium gar nicht erst in Erwägung ziehen. Wenn sie es doch tun und den Schritt an die Hochschule gehen, dann erwartet sie nicht nur eine neue, sondern oftmals auch eine fremde Welt, deren Sprache und Habitus ihnen von zu Hause nicht vertraut sind. Sich unter diesen Umständen an der Hochschule zurecht zu finden, ist eine große Herausforderung.

Neben dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, gibt es oftmals auch finanzielle Herausforderungen, da die Unterstützung durch die Familie nicht so selbstverständlich ist wie bei Akademikerkindern. Informationen über Fördermöglichkeiten wie BAföG oder Stipendien und die Bewerbungsverfahren sind weniger bekannt. Aber auch Fragen zur Studienorganisation und zum wissenschaftlichen Arbeiten müssen selbst beantwortet werden. Arbeiterkinder benötigen für jeden Übergang in die nächsthöhere Bildungsstufe mehr Kraft, Mut und Durchhaltevermögen. Aber das erweist sich später auch als ihre Stärke. 

kununu: Gibt es Strategien, die Arbeiterkinder anwenden können, um im Arbeitsleben richtig durchstarten zu können? Worauf müssen sie achten und was kann dabei helfen?

Katja Urbatsch: Für viele Absolventinnen und Absolventen beginnt mit dem Start ins Berufsleben ein neuer und zukunftsweisender Lebensabschnitt. Der Berufseinstieg ist eine aufregende und unsichere Zeit, in der auch der soziale und familiäre Hintergrund eine Rolle spielen kann. Absolventinnen und Absolventen, die als Erste in ihrer Familie studiert haben, können für den Einstieg in den akademischen Arbeitsmarkt selten auf Erfahrungswerte und Netzwerke in ihrer Familie zurückgreifen. Für sie kann der Start in einen Job, der ihrem Studium entspricht, viele Fragen aufwerfen. Ein während des Studiums aufgebautes Netzwerk kann hilfreich sein, diesen Fragen gemeinsam zu begegnen. Wichtig ist, bereits im Studium schon praktische Berufserfahrung zu sammeln. Studentenjobs, Praktika oder auch ehrenamtliche Tätigkeit fördern die persönliche und fachliche Entwicklung. Berufsbilder und -wünsche werden so konkreter, und die Erfahrungen sind sehr wertvoll bei der späteren Bewerbung. Auch Weiterbildung, beispielsweise im Fremdsprachenbereich oder im Bereich IT, kann später hilfreich sein.

kununu: Was sollte/müsste die Gesellschaft verändern, um Chancengleichheit für Arbeiterkinder herzustellen?

Katja Urbatsch: Bildung muss für alle zugänglich, der Bildungsaufstieg für alle möglich sein. Dafür brauchen wir eine Bildungskultur, die sich an den vorhandenen Potenzialen orientiert. Die Gesellschaft sollte jungen Menschen unvoreingenommen begegnen und ihre Zukunfts- und Bildungsperspektiven nicht von ihrer sozialen Herkunft, sondern von ihrem Potenzial ableiten. Es sollte nicht vom Geldbeutel der Eltern oder zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen abhängen, ob jemand seine Chance auf Bildungsaufstieg erhält. Zudem muss die finanzielle Unterstützung zum Studium gewährleistet sein, und zwar schnell, unbürokratisch und bedarfsorientiert. Der Weg an die Hochschule darf nicht an monetären Vorleistungen wie einer Uni-Einschreibegebühr, Umzugskosten oder auch an Materialien wie einem Computer oder Fachliteratur scheitern.

kununu: Haben Arbeiterkinder Eigenschaften, die sie am Arbeitsmarkt bei den Unternehmen vielleicht sogar beliebter machen können?

Katja Urbatsch: Arbeiterkinder bringen viele positive Eigenschaften und Talente mit, die ihnen im Berufsleben Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger sind gewohnt, Umwege und Hürden zu überwinden und dabei Ausdauer und Frustrationstoleranz zu beweisen. Und nicht zuletzt bewegen sich Erststudierende in der heimischen Welt und der akademischen Welt gleichermaßen, auch dies kann ein positives Kriterium im Berufsleben sein.

kununu: Was leistet Arbeiterkind.de für seine Zielgruppe? Warum wurde die Plattform gegründet? Welche Entwicklung ist geplant?

Katja Urbatsch: Die ersten Schritte an der Hochschule oder Universität können kompliziert und herausfordernd sein. Studienanfängerinnen und -anfänger werden Teil eines neuen Systems, in dem sie erst einmal ankommen, sich zurechtfinden und organisieren müssen. Wenn in der Familie vorher niemand studiert hat, ist es umso schwieriger. Kinder aus nicht-akademischen Familien haben keine Rollenvorbilder, können in ihrem familiären Umfeld niemanden fragen. Manche haben Angst, den Abschluss nicht zu schaffen, fehl am Platz zu sein. Dazu kommt die Sorge vor der finanziellen Belastung.

ArbeiterKind.de möchte Mut zum Studium machen, indem die gemeinnützige Organisation Informationsdefizite rund ums Studium bereits bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und eben auch bei Studierenden ausgleicht. Darüber hinaus möchten wir (Hochschul-)Lehrerinnen und -Lehrer sowie staatliche Institutionen für das das Thema Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sensibilisieren. Dafür gibt es einerseits eine umfassend informierende Webseite und ein Infotelefon, das Montag bis Donnerstag von 13 bis 18.30 Uhr für alle Ratsuchenden erreichbar ist.

Bei ArbeiterKind.de engagieren sich bundesweit 6.000 Ehrenamtliche in 80 lokalen Gruppen, die offene Treffen und Sprechstunden organisieren, die gemeinsam Schulveranstaltungen durchführen, auf Bildungsmessen gehen – sprich Interessierte da abholen, wo sie gerade sind. Die ehrenamtlich Engagierten sind meist selbst die Ersten in ihre Familie, die studieren oder studiert haben. Sie erzählen ihre eigene Bildungsgeschichte und ermutigen durch ihr persönliches Beispiel zum Studium. So erreichen wir jährlich über 30.000 Studieninteressierte und Studierende und ermutigen und unterstützen sie auf dem Weg ins Studium und anschließend beim Berufseinstieg.

Wir planen, unsere bundesweite Präsenz weiter auszubauen und insbesondere auch die Regionen zu erreichen, die ländlich und hochschulfern gelegen sind. Gezielt möchten wir Schulen des zweiten Bildungswegs ansprechen und Kooperationen mit Volkshochschulen und Berufsinformationszentren ausbauen.

Danke für das Interview!


Über die Interviewpartnerin

Katja Urbatsch ist die Gründerin und Geschäftsführerin von ArbeiterKind.de. Gemeinsam mit ihrem Bruder hat sie 2008 die heute größte zivilgesellschaftliche Organisation für Studierende der ersten Generation gegründet. Beide waren die ersten in ihrer Familie, die studiert haben. Katja Urbatsch wurde für ihr Engagement im Oktober 2018 das Bundesverdienstkreuz am Bande übergeben.

© Bild: Caroline Mieckley / ArbeiterKind.de