Zukunft der Arbeit: Maschinen an die Macht!?

„Jede menschliche Arbeit, die automatisiert oder digital unterstützt werden kann, wird auf lange Sicht ersetzt werden“, ist Kuratorin Marlies Wirth überzeugt. Leben wir also bald in einer Welt ohne Arbeit und wäre das überhaupt wünschenswert? Die Ausstellung „Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ in Wien zeigt, welche Chancen und Risiken Automatisierung bringt. Denn schon jetzt sind Roboter eine wichtige Stütze in unserem Arbeitsleben.

kununu: Wie würden Sie die Ausstellung in einem Satz beschreiben?

Marlies Wirth: Gegliedert in vier Kapitel erzählt „Hello, Robot“ die Geschichte einer Annäherung von Mensch und Maschine, die seit jeher von der Ambivalenz zwischen Angst und Euphorie geprägt ist – die Ausstellung weitet den Blick für die Chancen und Herausforderungen, die aus den intelligenten digitalen Technologien entstehen und untersucht die entscheidende Rolle, die Design dabei spielt.

Der Begriff „Roboter“ wird im Rahmen der Ausstellung weiter gefasst, als das Bild eines humanoiden Wesens, das man meist im Kopf hat. Was macht einen Roboter aus?

Im Verlauf der Ausstellung wird klar, dass der Roboter viel mehr ist, als wir zunächst denken – er kann eigentlich jede Form annehmen, und aus jedem möglichen Material bestehen. In Zukunft werden Roboter nicht mehr aus harten Materialien wie Blech und Metall bestehen. In Harvard wird an Soft Robotics gearbeitet, Roboter, die aus verformenden, weichen Materialien bestehen, und lebenden Organismen aus der Natur sehr ähnlich sind, bis hin zu Nanobots, mikroskopisch kleinen Robotern, die in die menschliche Blutbahn injiziert werden können, um beispielsweise hochpräzise Wirkstoffe abzusondern.

Der Architekt und Städteplaner Carlo Ratti, der auch Leiter des Senseable City Lab am MIT in Boston (MA) ist, war einer unserer Berater und seine Definition bringt es auf den Punkt: „Als Roboter bezeichnen wir eine Einheit mit Sensoren, Intelligenz und Aktuatoren. Er kann also die Welt lesen, die erlangten Informationen verarbeiten und dann gezielt reagieren. Dieser Definition zufolge könnte ein Roboter vielerlei, möglicherweise unerwartete Dinge zugleich sein. Ein Thermostat ist ein Roboter. Ein Auto mit Fahrassistent ist ein Roboter. Und unser omnipräsentes Smartphone ist natürlich auch ein Roboter.“

 

Die Automobil-Branche konnte bereits durch Automatisierung revolutioniert werden. Welche Bereiche der Arbeitswelt könnten ähnliche Entwicklungen durchlaufen?

Jede menschliche Arbeit, die automatisiert oder digital unterstützt werden kann, wird auf lange Sicht ersetzt werden. Gewisse Bereiche, die seit mehreren Jahrzehnten maschinell ausgelagert wurden, sind heute gar nicht mehr mit menschlichen Arbeitern vorstellbar. Das betrifft vor allem sehr schwere körperliche Arbeit, oder sehr monotone Tätigkeiten. Die Automatisierung des Fließbands ist dafür natürlich ein gutes Beispiel.

Der Digitalisierung und Automatisierung geht immer ein Effizienzgedanke vorher – wie kann man die Abläufe reibungslos gestalten. Vielfach gibt es auch den Zwischenschritt des Selbermachens: Wo bisher ein Mensch an der Supermarktkassa die Artikel für uns gescannt hat, gibt es nun die „Automatische Kassa“, bei der wir selbst die Artikel scannen müssen. Flüge im Reisebüro werden nicht mehr von Fachkräften für uns gesucht und gebucht, wir bedienen automatisierte Suchbots im Internet und erledigen die Arbeit selbst. In solchen Bereichen ist denkbar, dass Smart Assistants bzw. Roboter dies künftig erledigen werden.

Will a robot take my job? – Digitalisierung wird meist als Gefahr für Arbeitnehmer gesehen. Wie kann sie unseren Arbeitsmarkt stärken, anstatt uns obsolet zu machen?

Indem wir sie wie jede Technologie als „Tool“ nutzen, als ein Werkzeug, das uns Arbeit erleichtert oder uns hilft, bestimmte Erkenntnisse über uns und unseren Planeten zu gewinnen. Stichwort „Big Data“ – auch hier gibt es die bekannte Ambivalenz: Datenauswertung ist essentiell um beispielsweise Ressourcen zu schonen oder für die Prävention und Heilung von Krankheiten – sie kann jedoch auch als Instrument zur Überwachung und Regulierung eingesetzt werden. Die Menschheit muss also umdenken – viele Menschen können mit dem radikalen technologischen Wandel, der sich seit knapp einem Jahrzehnt vollzieht, nicht mehr mithalten. Es muss also auch bei der Bildung angesetzt werden. Die Debatte um die Digitalisierung ist wesentlich politischer als allgemein angenommen wird – ohne einen Systemwandel wird es schwierig.

Bereiche, die mit kreativer menschlicher Arbeit zu tun haben, bleiben uns aber vorerst erhalten. Und hier ist es wichtig, den Kreativitiätsbegriff nicht zu eng zu fassen: Kreative Arbeit ist nicht nur künstlerische, gestalterische oder kreativwirtschaftliche Arbeit! Viele menschliche Tätigkeiten erfordern Kreativität, es geht darum etwas Neues zu denken oder Bestehendes so zu verändern, dass es besser funktioniert – das trifft auch auf Handwerker oder Ingenieure zu. Der Begriff „Kreativität“ kommt aus dem Lateinischen, creare, etwas erschaffen. Es geht also um die schöpferische Tätigkeit des Menschen – und damit ist Kreativität also per se ganz eng an den Arbeitsbegriff gekoppelt.

 

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Welche Vorteile entstehen durch neue Technologien?

Der Zukunftsforscher Gerd Leonhard schreibt in seinem Buch „Technology vs. Humanity“ (2016) als einleitenden Satz: „Die Menschheit wird sich in den nächsten 20 Jahren stärker verändern als in den letzten 300.“ Die Geschwindigkeit und Komplexität, mit der Veränderungen stattfinden hat enorm zugenommen. Es ist also wichtig, das alles in Zusammenhang zu sehen, „holistisch“ zu denken. Eine Entwicklung, die sich bereits jetzt abzeichnet, ist die On-Demand-Produktion. Für den Masseneinsatz sind 3D-Drucker heute noch zu teuer, aber schon vielfach werden Ersatzteile für Flugzeuge direkt vor Ort produziert. Die Auslagerung von Produktion und der weltweite Transport von Waren ist ja auch umwelttechnisch problematisch. Wir werden wieder mehr selbst produzieren, und nur so viel, wie wir wirklich brauchen.

Doch auch Bereiche wie Medizin und Rechtswissenschaft sind nicht von der Digitalisierung ausgeschlossen. Juristen lassen mit Suchmaschinen und Algorithmen die Gesetzdatenbanken nach den passenden Artikeln durchsuchen. Das Da-Vinci Operationssystem ist ein hochentwickeltes Roboter-assistiertes Chirurgiesystem, das für minimal-invasive Operationen eingesetzt wird. Es ist einfach präziser als eine menschliche Hand. Die Roboterarme mit den Operationstools werden von einem Arzt in Echtzeit gesteuert. Dieses Gerät wurde bereits in den 1980er Jahren von Medizintechniker für Einsätze in der US-Armee entwickelt. Heute sind solche Geräte in vielen Operationssälen Standard, in den USA wie auch in Europa.

Wäre eine Welt ohne Arbeit überhaupt wünschenswert?

Natürlich nicht! Aber dafür muss man sich auch klarmachen, dass „Arbeit“ sehr viel mehr umfasst als die Erwerbsarbeit, die unser gängiges Bild von menschlicher Arbeit prägt. Aus philosophischer Sicht ist Arbeit eine bewusste schöpferische Tätigkeit des Menschen, die Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Natur. Jenseits von „Jobs“ gibt es also immer Arbeit. Die Frage, die zunehmend brennend wird, ist jene wie der Lebensunterhalt bestritten werden kann, wenn sich der Platz in der Gesellschaft nicht mehr so maßgeblich über Leistung oder Einkommen definiert.

Mit seiner Publikation “Neue Arbeit, Neue Kultur” hat der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann wichtige Gedanken dazu formuliert, die auch in der MAK-Ausstellung “Neue Arbeit, Neues Design” (kuratiert vom IDRV – Institute for Design Research Vienna) im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2017 verhandelt werden. Er denkt, dass nur mehr ein Drittel der menschlichen Tätigkeit aus Erwerbsarbeit bestehen wird, die anderen Teile setzen sich aus Selbstversorgung und jener Arbeit zusammen, die man wirklich tun will. Es müssen also neue Perspektiven der Arbeitsgesellschaft unter Nutzung der aktuellen technologischen Möglichkeiten gefunden werden, damit wir Menschen die Möglichkeit haben, etwas wirklich Wichtiges zu tun, und unsere Handlungsfreiheit auszuleben.

Wo sehen Sie den Platz von Robotern in der Kunst?

Gerade wird die Frage diskutiert, wie die Bilder aussehen, die Maschinen für Maschinen produzieren. Neuronale Netzwerke und selbstlernende Maschinen entwickeln sich rasant weiter. Konzerne wie Google und Facebook haben eigene Entwicklungszentren für Künstliche Intelligenz, gerade kürzlich wurde bekannt, dass eine AI eine eigene „Geheimsprache“ entwickelt hat, da die Kommunikation zwischen den Maschinen damit effizienter ist. Die Qualität von Google Translate Übersetzungen hat sich beispielsweise enorm verbessert, seit die Künstliche Intelligenz in einem Zwischenschritt in ihre eigene Sprache übersetzt, um dann in der Zielsprache das Resultat für den menschliche User optimiert auszugeben. Solche Entwicklungen sind auch für die Kunst interessant. Die Frage, wie Wissen vermittelt werden kann, wie ein Sachverhalt aus einem anderen – nicht-menschlichen – Blickwinkel neu gedacht werden kann.

Design spielt in dieser komplexen Dynamik eine zentrale Rolle, denn seit jeher dient es als Vermittler zwischen Mensch und Maschine ebenso wie zwischen verschiedenen Disziplinen. Der Designbegriff, der dem zugrunde liegt, geht über die bloße Gestaltung von Oberflächen hinaus. Vielmehr spricht „Hello, Robot“ davon, wie Design die Interaktion und Beziehung zwischen Mensch und Maschine, aber auch von Mensch zu Mensch prägt – im Guten wie im Schlechten.

 


Marlies Wirth lebt und arbeitet in Wien. Sie ist Kuratorin im Museum für angewandte Kunst und hat Kunstgeschichte an der Universität Wien studiert. Die Ausstellung „Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ findet im Rahmen der „VIENNA BIENNALE 2017: Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft“ statt und läuft noch bis zum 1.10.2017.