Meckernde Kollegen

Warum Mitarbeiter meckern und Chefs nicht zuhören

Genauso wie das Feuerwerk an Silvester zum Jahreswechsel gehört, zählt das Festlegen der Ziele für 2019 zum beruflichen Jahresabschluss. Während wir Mitarbeiter bei unseren Chefs immer mit dem gleichen Thema antanzen – wir wollen mehr Aufmerksamkeit – ändern sich die Vorgaben unserer Vorgesetzten ebenfalls nicht: Immer anspruchsvollere Ziele sollen im neuen Jahr erreicht werden. Der Druck dabei, zumindest der gefühlte, steigt und steigt. Das Ergebnis davon? Eine miese Stimmung in der Kaffeepause, bei der es vor allem ein Thema gibt: „Der Chef mal wieder!“. Aber warum sind wir so oft mit unseren Vorgesetzten unzufrieden? Aus Erfahrung können wir sagen: Es sind die Themen Wertschätzung und Anerkennung sowie der Sinn und Zweck der Arbeit, der oftmals eher fragwürdig erscheint.

Einfach loben und wertschätzen – schon läuft es mit dem Team?

Nein, so einfach ist es heute nicht mehr. Egal, ob du im hierarchisch aufgebauten und seit Jahrzehnten auf diese Weise erfolgreich operierenden Mittelstandsunternehmen arbeitest oder in einem hippen und jungen Startup, in dem du jeden duzt, am Kickertisch neue Konzepte entwickelst und mit dem Chef beim Feierabendbier noch im Büro anstößt, tätig bist: Chefs benötigen heute mehr denn je ein Gespür für Menschen und deren Bedürfnisse. Vieles in der Mitarbeiterführung kann man lernen. Aufmerksamkeit und ein ernsthaftes, wertschätzendes Interesse an Menschen, die in der heutigen Arbeitswelt bei Führungskräften einfach unerlässlich sind, lassen sich dagegen kaum trainieren. Denn sie entspringen einer grundsätzlichen Haltung und weniger bestimmten methodischen, erlernbaren Kniffen.

Liebe Chefs, zeigt Interesse!

Viele Faktoren bestimmen und formen unser persönliches Wertesystem, was sich wiederum maßgeblich auf unsere Ansichten und Verhaltensweisen auswirken kann. Was das mit deinem Chef zu tun hat? Dem geht es genauso, nur dass sich bei Führungskräften daraus individuelle Führungsstile ableiten. Denn die Erfahrung aus hunderten Feedback-Gesprächen in unterschiedlichen Unternehmen aus der Sicht der HR zeigt: Besonders Empathie ist eine Fähigkeit, die vielen Vorgesetzten abgeht, aber besonders gefragt ist – jedenfalls aus Sicht der Angestellten. Chefs müssen sich in ihr Team hineinversetzen können.[1] Sie müssen sich Fragen widmen können wie „Was sind die Wünsche, was steckt hinter der Motivation jedes Einzelnen?“ In der heutigen agilen Arbeitskultur ist das Gehalt nämlich immer weniger entscheidend für die berufliche Erfüllung. Wir streben zwar dennoch nach Aufstieg und Erfolg, wünschen uns aber vor allem Vereinbarkeit von privatem und beruflichem Glück. Während vor wenigen Jahren Work-Life-Balance, also die Ausgewogenheit zwischen Arbeitszeit und privatem Leben DAS Stichwort war, rückt jetzt die Work-Life-Integration in den Mittelpunkt. Das bedeutet für dich konkret: Arbeit und Privates verschmelzen mehr und mehr.

Vorbild, wo bist du?

Vor allem die jungen  Arbeitnehmer unter uns, die Young Professionals, wollen nicht einfach „ihren Job machen“. Das reicht mittlerweile einfach nicht mehr aus. Sie wollen sich selbst in diesem Job finden, ihre Ideen miteinbringen und verwirklicht sehen. Warum? Weil es ihnen einfach wichtig ist und für sie Sinn stiften kann. Dass man gehört wird, dass man gegenseitig aufeinander Acht gibt, dass man mit seinem Leben und eben auch der beruflichen Tätigkeit die Welt ein kleines bisschen besser macht, zumindest erstmal zwischenmenschlich. Sie wollen nicht geführt werden, à la Oben sticht Unten – sie wollen mitbestimmen, sie wollen Orientierung und gleichzeitig respektiert werden und im besten Falle ihrem Chef und ihren Werten folgen. Sie wollen denjenigen folgen, zu denen wir aufblicken können.

Mehr als nur ein Job

Der Job ist ein Teil von unserem täglichen Leben geworden. Für viele ist der Job auch das Hobby, das Steckenpferd. Während wir früher zur Arbeit gingen, um am Ende des Monats Geld auf dem Konto zu sehen, ist heute Selbstverwirklichung gefragt. Natürlich ist das Gehalt auch heute noch wichtig, steht aber ab einer gewissen Stufe nicht mehr im Vordergrund. Und genau das sollten die heutigen Chefs erkennen: Wir wollen nicht mehr einfach nur AN-gestellt werden. Wir wollen Teil eines großen Ganzen sein, nicht so einfach auszutauschen, sondern wertgeschätzt werden. Ehrenmann/Ehrenfrau ist 2018 Jugendwort des Jahres geworden: Zu Recht, denn respektvolles und verlässliches Handeln ist gefragter denn je.

Schon klar, wir erwarten viel, geben aber noch viel mehr.  Oder ist es zu viel verlangt, dass eine Führungskraft empathisch sein soll? Dass sie aktiv zuhört? Dass der Chef ein gesundes und reflektiertes Selbstwertgefühlt hat und selbstverständlich sich selbst und den eigenen Handlungen im Unternehmen den Spiegel vorhält? Leider ist dennoch Selbstreflexion eine der größten Schwächen in der oberen Etage. Feedbackgespräche gibt es von oben nach unten. Aber kaum wo spiegelt der Führungskraft die eigene Leistung zurück.

Wahre Worte statt Lobhudelei

Erst neulich haben wir uns von den Chefs dieser Welt auf der alljährlichen Weihnachtsfeier den Satz anhören können, der schon beinahe genauso fix dazugehört wie das Amen im Gebet:  „Ohne Sie wäre das Unternehmen nichts.“ Können wir dieses einstudiert wirkende, allgemeine Lob überhaupt ernst nehmen? Von einigen Chefs sicherlich. Aber Wertschätzung und Anerkennung braucht niemand, wenn sie nicht echt ist. Was wir von einer guten Führungskraft nämlich erwarten, ist ehrliches Feedback, ernstgemeintes Lob und Wertschätzung, die sich neben der Rede bei der Weihnachtsfeier auch in Taten widerspiegelt. Das bedeutet, dass Führungskräfte wirklich führen sollten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten sinnvoll verteilen und gute Leistung honorieren sollten – in Worten und in Boni, gleich welcher Form.[2]  Wer einen Arbeitgeber gefunden hat, der beides vereint, kann sich glücklich schätzen.

Liebe Chefs (und solche, die es werden wollen): Es lebe die soziale Kompetenz, trotz und gerade in Zeiten der Digitalisierung, wenn eine E-Mail oder Slack-Nachricht schnell getippt ist. Setzt auf persönliche Kommunikation. Empathisches Handeln ist oft gleichbedeutend mit Erfolg – es gibt uns Sicherheit und stiftet Sinn. Habt ein ehrliches Interesse an den Angestellten und wenn es nicht anders möglich ist, setzt euch auf eure tägliche To-Do-Liste den Punkt „mit den Mitarbeitern reden“. Denn immer mehr suchen sich nur mehr Arbeitgeber, die das können. Also seid auf der Hut und versucht es mal!

 


 

Sonja Grave verantwortet HR bei COMPEON, einem Online-Finanzportal, über das mittelständische Unternehmen Finanzierungen von über 220 unterschiedlichen Banken, Förderbanken und Spezialfinanzierern erhalten und vergleichen können. Vor ihrer Zeit bei COMPEON war Grave bereits als Executive Consultant bei Kienbaum mit der Rekrutierung von Fach- und Führungskräften betraut und unterstützte mit einer eigenen Unternehmung KMUs in Fragestellungen rund um nachhaltige Personalbeschaffung und -management.

 

Meckernde Kollegen

Quellen:

[1] Aulinger, A.; Schmid, T.: Empathisches Führungsverhalten – Einschätzungen und Beobachtungen aus der Unternehmenspraxis. In: Zeitschrift Führung + Organisation 06/2009, Freiburg 2009.

[2]  Goleman, D.; Boyatzis, R.; McKnee, A.: Emotionale Führung. In: Boersch, C; Von Diest, F.: Das Summa Summarum des Erfolgs. Springer Link, Wiesbaden 2006.