Unternehmenskultur: „Es braucht eine Haltung auf Augenhöhe“

Die Corona-Krise hat nicht nur die Denkweise eines jeden Individuums geändert, sondern auch die gelebte Kultur in Unternehmen. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt für ein Umdenken, für ein neues Miteinander. Lena Marie Glaser, ausgebildete Juristin, Expertin für neues Arbeiten der Generation Y und Gründerin des Blogs basicallyinnovative.com, erklärt in diesem Gastbeitrag, wie sich die Unternehmenskultur geändert hat und was in Zeiten wie diesen am Arbeitsplatz zählt. Mehr dazu hier.

Die Krise beschleunigt den Wandel

Über Nacht kam es zu großen Veränderungen für uns alle. Die Krise macht klar, wo die Schwachstellen liegen: Zwischen Überforderung und Langeweile zeigt sich, wer gut vorbereitet ist und wer alleine gelassen wird. Gleichzeitig entsteht ein Riesenpotenzial: Es ist Zeit für Reflexion. Zurück in die alten Muster? Nein, danke.

Lange davor veränderten die digitalen Technologien, wie wir arbeiten. So ermöglichen sie uns von zu Hause, vom Strand oder im Co-Working Space zu arbeiten. Rund um die Uhr, ohne im Büro zu sitzen. Diese Transformation der Arbeitswelt wurde bisher allerdings eher nur nebenbei und schleichend wahrgenommen. Jetzt ist alles anders, viele mussten unvorbereitet im Home-Office arbeiten. Sie erleben es ganz individuell und beginnen nun nachzudenken, wie, wo und wann sie eigentlich arbeiten wollen. Flexibel und remote zu arbeiten wurde in wenigen Wochen erlernt.

„We can’t go back to normal“ übertitelte die britische Tageszeitung The Guardian einen Artikel zur Corona-Krise und gibt die neue Richtung vor. Unsere heutige Arbeitswelt ist geprägt von Kontrolle, Angst und fehlenden Mitgestaltungsmöglichkeiten. Also Rahmenbedingungen, die es Menschen schwer machen, mit unerwarteten, komplexen Herausforderungen gut umzugehen. Allerdings ist das eine Grundvoraussetzung für Unternehmen, um in einer immer komplexeren Welt zukunftsfit zu werden.


„Mitarbeiter haben keine Mitgestaltungsmöglichkeiten bei fachlichen Angelegenheiten.“ – Arbeitgeberbewertung bei Rommelag Unternehmensgruppe 


Es braucht neue Regeln und eine neue Haltung

Das muss sich ändern. Neue Regeln sind zu verhandeln und das Gelernte nachhaltig zu verankern. Es braucht eine neue Haltung, eine Haltung auf Augenhöhe des Zuhörens und Mitgestaltens. Ein Umdenken in den Köpfen von EntscheidungsträgerInnen und jedem und jeder einzelnen von uns ist erforderlich. Verkrustete Muster sind aufzubrechen, neue Strukturen und eine Arbeitskultur zu schaffen, in denen die Menschen gefragt und gehört werden.

Bereits vor der Corona-Krise forderten gerade junge Menschen dieses andere Arbeiten ein. Nachwuchskräfte wählen ihre Arbeitgeber oft genau aus: Bietet mir das Unternehmen meine gewünschten Rahmenbedingungen? Sie fragen bereits im Jobinterview nach Home-Office, Bildungskarenz, Teilzeit oder Fortbildungsmöglichkeiten und achten auf die Atmosphäre im Team. Unternehmen reagieren darauf mit Employer Branding und legen ihren Augenmerk auf Bewertungsplattformen wie kununu.

Die Autorin und Wirtschaftsredakteurin Kersten Bund umschreibt die Bedürfnisse meiner Generation in ihrem Buchtitel so: “Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen”. Das ganze Berufsleben für ein böses Unternehmen schuften? Nein danke! Lieber wählen wir unsere Arbeitgeber danach aus, welche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten sie uns bieten. Kersten Bund dazu: „Wir sind nicht faul! Wir wollen arbeiten. Nur eben anders. Nachhaltiger. Im Einklang mit unseren Bedürfnissen.“


„Ein Arbeitgeber, der auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter eingeht.“ – Arbeitgeberbewertung bei Langenscheidt GmbH & Co. KG


Früher machte Arbeit körperlich krank, heute psychisch

Mit Basically Innovative habe ich 2017 eine Plattform für die Stimmen der Generation Y geschaffen. Seither beobachte und analysiere ich genau, wie wir arbeiten wollen und was dies für Organisationen bedeutet. Ich besuche Veranstaltungen, Unternehmen, Co-working Spaces und unterwegs spreche ich mit ganz unterschiedlichen Menschen. Von Wien über New York nach Kopenhagen.

Ich tausche mich aus und reflektiere mit mutigen AussteigerInnen und etablierten PersonalerInnen, mit engagierten Nachwuchsführungskräften, erfahrenen Angestellten, mit SozialarbeiterInnen, VerkäuferInnen und ProgrammiererInnen, mit JungunternehmerInnen und mit WissenschaftlerInnen, mit ArbeitspsychologInnen und SozialwissenschaftlerInnen, mit PolitikerInnen, SchülerInnen, Studierenden, LehrerInnen und UnternehmensberaterInnen, ArchitektInnen und KünstlerInnen.

Und egal wen ich treffe, auf welcher Konferenz oder in welchem Unternehmen ich bin, in jedem persönlichen Gespräch –  das Thema Arbeit lässt niemanden kalt. Der eigene Job hat für viele große Bedeutung, er stiftet Sinn, gibt Struktur und sozialen Halt. Und doch macht er zunehmend auch immer mehr junge Menschen krank.


„Der Umgang wie mit den kaufmännischen Angestellten umgesprungen wird, macht krank.“ – Arbeitgeberbewertung bei Mayerhofer GmbH


Seit 2004 haben die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um nahezu 71,9 Prozent zugenommen, so die Soziologin Prof.in Dr.in Heike Ohlbrecht. Eine repräsentative Umfrage aus 2017 zur Häufigkeit von Burnout in Österreich zeigt, dass besonders auch unter 30-Jährige betroffen sind. Doch wie wollen wir eigentlich arbeiten?

Ganz konkret wünschen sich viele meiner GesprächspartnerInnen (vor und während der Corona-Krise) eine offene, wertschätzende Kommunikation mit der Führungskraft, ein gutes Teamklima, Mitgestaltungsmöglichkeiten und sinnvolle Aufgaben, Mitsprache wie, wann und wo sie arbeiten wollen, weniger Kontrolle und mehr Vertrauen, Unterstützung bei der persönlichen Weiterentwicklung. Wir brauchen also Rahmenbedingungen, die uns nicht hindern, sondern fördern!


„Phantastische Arbeitsatmosphäre mit viel Raum für persönliche Weiterentwicklung.“ – Arbeitgeberbewertung bei weisskonzept OG


„Schönes Leben anstatt Reichtum“

Das wünschten sich auch die SchülerInnen eines Wiener Gymnasiums in meinem 1. New Work School Lab, Dezember 2019. Sie forderten vor allem eine respektvolle und visionäre Führungskraft und einen sicheren Arbeitsplatz, der ihnen eine gute Lebensqualität mit ausgewogener „Work-Life-Balance“ und Wohlbefinden ermöglicht.

Wie kann eine neue Arbeitskultur in Zukunft aussehen? Welche Visionen, Ideen und Konzepte gibt es? Die skandinavische Arbeitskultur ist hier eine spannende Inspirationsquelle. Im Jänner 2020 vor Beginn der Corona-Krise war ich einige Wochen in Kopenhagen unterwegs und habe mir angesehen, wie in Unternehmen, Start-ups, im Kreativbereich und im Co-working Space gearbeitet wird.

Die zentrale Erkenntnis für mich? Ich habe eine andere Vertrauens-, Fehler- und Leadershipkultur gesehen und kennengelernt: Die Rolle der Führungskraft ist es, den Rahmen zu schaffen, damit die MitarbeiterInnen autonom ihre Aufgabenstellungen erledigen und eigene Ideen umsetzen können. Grundlegend dafür ist eine Arbeitskultur, die nicht von Kontrolle und Einschüchterung geprägt ist.

Eine junge Österreicherin, die in Kopenhagen für ein dänisches Start-up arbeitet, beschreibt es so: „In Dänemark wird nicht kontrolliert, sondern Vertrauen geschenkt. Es gibt eine Offenheit für Neues. Die Menschen haben keine Angst Fehler zu machen, denn sie werden allgemein als Chance für die Weiterentwicklung gesehen.“


„Junges Team, tolle Unternehmenskultur, hohes Maß an Vertrauen & Entfaltungsmöglichkeiten.“ – Arbeitgeberbewertung bei AZOLA GmbH 


Jetzt ist die Zeit gekommen

Es heißt nun weiter lernen, reflektieren, ausprobieren und diskutieren. Der frische Wind muss genutzt werden, um eine Kultur zu schaffen, die uns auf die Zukunft vorbereitet. Politik und Wirtschaft sind gefragt, nachhaltig und authentisch die richtigen Weichen zu stellen. Nur so sind wir auf die großen Transformationen der Zukunft vorbereitet. Es braucht eine neue Haltung auf Augenhöhe und Arbeitsbedingungen, in denen die MitarbeiterInnen gehört, eingebunden und bei ihrer Weiterentwicklung begleitet werden.

Es gibt dazu bereits unglaublich viele praxiserprobte Ansätze, Konzepte und Tools. Wichtig dabei ist es, dass jede Organisation den eigenen Weg findet, der zu ihr passt. Es gibt hier keine Standardlösung. Denn in der V.U.C.A. Welt funktionieren Copy & Paste nicht mehr. Nein, jetzt ist ein neues Mindset gefragt: Umdenken, Offenheit und Mut für Neues. Auf der persönlichen Ebene und in der Organisation. Dazu braucht es die notwendige Sensibilität für Menschen in Veränderungsprozessen und das Matchen der besten Köpfe von innen und außen. So wie es uns die skandinavische Arbeitskultur vorzeigt. Besonders die Talente von heute und morgen fordern das ein.


„Es ist ein tolles Miteinander.“ – Arbeitgeberbewertung bei RHI Magnesita GmbH 


Losstarten und ausprobieren. Angefangen von „New ways of working“, also der Ausgestaltung von flexiblen Rahmenbedingungen, die nicht überfordern. Bis zu einem neuen Bild von Leadership, das mit Qualifizierung, Recruiting, Rolemodels und Mentoring umgesetzt werden kann. Sowie die Schaffung von sicheren Reflexionsräumen in Organisationen, die LaLoux in seinem „Reinventing Organizations“ anspricht. Wo neue Ideen entstehen können, wo Kreativität, Reflexion und Empathie zur Innovation führt. Ganz ohne Angst und Kontrolle.

So werden Organisationen zukunftsfit und zu Vorbildern für andere. Mit einer Arbeitskultur, die von Austausch, Reflexion und Wertschätzung geprägt ist, werden sie authentische, attraktive Arbeitgeber der Zukunft. Talente werden so langfristig gewonnen, motiviert und gehalten. Daher liebe EntscheidungsträgerInnen: Hört uns zu! Holt euch unsere Perspektiven und Erfahrungen. Gestalten wir gemeinsam unsere Zukunft. So finden wir das Erfolgsrezept durch die Corona-Krise.

 


Lena Marie Glaser

Lena Marie Glaser ist ausgebildete Juristin, Expertin für neues Arbeiten der Generation Y und Gründerin von Basically Innovative. In ihren Reportagen berichtet sie über die neue Arbeitswelt und gibt mit ihrem Blog Einblicke in die Bedürfnisse der Generation Y und Z. Lena ist Speakerin und unterstützt als Business Consultant die Geschäftsführung, HR, Kommunikation und InnovationsmanagerInnen mit Sparring, Matching und Content.