Österreich: Für Expats keine Traum-Destination?

„Unfreundlich & unterkühlt“ So sehen Expats Österreich

Idyllische Almen, verschneite Berge und köstliche Sacher-Torte: Das ist Österreich. Zumindest in den Augen der Österreicher selbst. Befragt man ausländische Arbeitnehmer in der Alpenrepublik, zeichnet sich ein anderes Bild: Österreicher sind unfreundlich und ungefähr so unterkühlt wie ihre Gletscher. Das ergab 2017 die Expat Insider Befragung von InterNations. Österreich? Unfreundlich? Und die kununu Zentrale mittendrin? Wir haben uns bei Expats in Wien umgehört.

Unfreundlich, unglücklich und uninteressiert

Jahr für Jahr versagt Österreich vor allem in einer Kategorie des Expat Rankings: Es ist richtig schwierig, sich hier einzugewöhnen. Auch wenn Österreicher sich selbst gerne als gastfreundlich beschreiben und von Gemütlichkeit und Hausmannskost schwärmen. Nur 5 % der ausländischen Arbeitnehmer fühlen sich in ihrer neuen Heimat willkommen. In der Kategorie Freundlichkeit landet Österreich Platz 64 von 65 teilnehmenden Ländern. Ein italienischer Arbeitnehmer fasst es so zusammen: „Die Leute hier sind unfreundlich, unglücklich und nicht interessiert daran, neue Freundschaften zu schließen.“ Schwierig zu überwinden ist auch die Sprachbarriere. Deutsche Sprache, schwere Sprache – wussten wir es doch. Nur 29 % der Studienteilnehmer finden es einfach, sich in Österreich ohne Sprachkenntnisse durchzuschlagen. Der internationale Durchschnitt liegt hierbei übrigens bei 46 %.[1]  Ist das Englisch der Österreicher also doch nicht the yellow from the egg?

„Ich dachte, Österreicher wären produktiver.“

Victor aus Spanien ist zusammen mit seiner Freundin nach Wien gezogen, wo sie seit acht Monaten leben. Sein Resümee: „Die öffentlichen Verkehrsmittel, die Sauberkeit und die gute Work-Life-Balance machen Wien zu einer freundlichen Stadt. Die Leute hingegen scheinen ein wenig kalt.“ Vielleicht verständlich, bei aktuellen Außentemperaturen von minus elf Grad. Wenn es um die Arbeitskultur in Spanien geht, vermisst Victor vor allem eins: „Wir vermischen dort Persönliches und Berufliches mehr miteinander. Ich vermisse hier tiefere Beziehungen mit meinen Arbeitskollegen. Andererseits ist der Respekt für Arbeitnehmer und ihre Rechte in Österreich höher.“ Auch die österreichische Mittagspause kann ihn nicht recht überzeugen. „In Spanien isst man lieber außerhalb des Büros miteinander zu Mittag. Hier habe ich gerade mal dreißig Minuten um vor meinem Bildschirm zu essen.“ Was Victor an der Arbeitsweise in Österreich ändern würde? „Die Effizienz. Ich dachte, die Österreicher wären produktiver.“

Österreich, das Land der Titel

Marijana aus Slowenien ist für einen Job nach Wien gekommen. „Ich würde Wien nicht als grundsätzlich unfreundlich bezeichnen. Aber ich würde schon sagen, dass es im Sommer besser ist, wenn die Straßen voller Leute sind und man draußen sitzen und Freunde treffen kann. Man bekommt im Winter eben leicht den Eindruck, die Stadt wäre unfreundlich. Dabei spielt sich das Leben dann einfach drinnen ab.“ Von der slowenischen Arbeitskultur unterscheide sich die österreichische für sie vor allem dadurch, dass sich die Österreicher ihrer Benefits und Privilegien bewusst sind und diese auch stärker verteidigen. Ansonsten empfindet Marijana das Arbeitsleben in Wien als relativ ähnlich zu ihrer Heimat. Und wenn sie hier etwas ändern könnte? „Ich würde die Wichtigkeit der Titel in Österreich reduzieren. Doktor, Magister und so weiter. Meiner Meinung nach ist das einfach zu streng und macht Geschäftsbeziehungen distanzierter und unpersönlicher.“ Damit trifft es Marijana ziemlich genau, denn neben dem Land der Berge und Ströme ist Österreich auch das Land der Titel. Vom Oberamtsdirektor bis zum Medizinalrat: Da kann ein vergessener Titel im Bewerbungsschreiben schon mal die Stelle kosten.

„Schau‘ ma mal“ und „Wird scho pass’n“

Seit Herbst gibt uns Allard aus den Niederlanden als Manager Partnerships & Business Development im kununu Office in Wien die Ehre. Aber wie empfindet er die Freundlichkeit der Wiener? „Ich denke, da gibt es einen großen Unterschied zwischen älteren und jüngeren Generationen. Ältere sind oft ein wenig mürrischer und bringen nicht so viel Geduld für Leute auf, die kein österreichisches Deutsch sprechen.“ Auch die Service-Mentalität der Wiener Kellner oder Verkäufer fällt ihm manchmal negativ auf. Nun, dass die Melange* in Wiener Kaffeehäusern traditionell mit einer Portion Unfreundlichkeit serviert wird, ist kein Geheimnis. An der niederländischen Arbeitsweise vermisst er hingegen die direkte Kommunikation und Offenheit für neue Ideen. Okay, auch hier müssen wir zugeben: Die Österreicher sind nicht unbedingt für ihre progressive Art bekannt. Allard wünscht sich zudem ein Abkommen von der strikten 40-Stunden-Woche, die hier noch weit verbreitet ist. „Es wäre schön, wenn 36 oder 32 Wochenstunden normaler werden würden. Das führt zu mehr Effizienz und etwas Freizeit extra motiviert zusätzlich.“ Was er an Wien hingegen schätzt: „In so einer wunderschönen Stadt zu arbeiten ist einfach toll. Und mir gefällt die entspannte Einstellung der Wiener. Dieses „Schau‘ ma mal“ und „Wird scho pass’n“. Denn normalerweise tut es das dann auch.“

*Bei der Wiener Melange handelt es sich übrigens um einen kleinen Espresso, der mit geschäumter Milch und Schaumhäubchen serviert wird, liebe Expats. 😉

Hohe Berge und medizinische Standards: Wo Österreich punktet

Wie in den Jahren zuvor schneidet Österreich in den Kategorien Gesundheit und Wohlbefinden übrigens hervorragend ab und sichert sich in der InterNations Studie auf Platz zwei. Von den befragten Expats stufen 84 % die medizinische Versorgung in ihrer Wahlheimat als positiv ein. Zudem wird das Gesundheitswesen als besonders günstig bewertet. Neben der verlässlichen, medizinischen Versorgung schätzen ausländische Arbeitnehmer auch die Qualität der österreichischen Umwelt. Klare Bergseen, saftige Wiesen und grüne Wälder: Immerhin hier kann Österreich ordentlich punkten und landet auf Platz 12 von 149 untersuchten Ländern. Expats bewerten zudem Sicherheit und Lebensstandard als besonders hoch, sodass Österreich im gesamten Ranking doch noch ganz gut abschneidet.

Wie wär’s mit einem Kaiserschmarrn als Eisbrecher?

Geht es um Gesundheit und Sicherheit kann Österreich also auf ganzer Linie punkten. Wenn es darum geht, Kollegen aus dem Ausland willkommen zu heißen, könnte ein Blick in etwas wärmere Gefilde wie Bahrain, Costa Rica oder Mexiko nicht schaden, die in der Studie auf Platz eins bis drei landen. Hier fühlen sich ausländische Arbeitnehmer von Anfang an gut aufgenommen. Warum den neuen Kollegen also nicht mal zeigen, dass österreichische Gastfreundlichkeit doch kein Mythos ist? Ein gemeinsames Mittagessen mit Fritattensuppe und Kaiserschmarrn – bitte jenseits des Schreibtischs – bricht bestimmt sofort das Eis.

InterNations Umfrage 2018

Quellen:

[1] InterNations