Studie: Toxische Führung ist in deutschen Unternehmen keine Seltenheit

Druck, Lügen oder Abmahnungen: Toxisches Führungsverhalten hat viele Gesichter. Problematisches Verhalten seitens der Vorgesetzten stellt dabei nicht nur ein direktes Problem für Angestellte dar, sondern wirkt sich auch negativ auf das gesamte Arbeitsklima und die Unternehmensleistung aus. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt von drei deutschen Universitäten. Die Studie[1] offenbart dabei nicht nur die Folgen von toxischer Führung, sondern auch wie verbreitet diese in Unternehmen ist.

Analyse von mehr als 37.000 Bewertungen

Chefinnen und Chefs, die ihre Leute öffentlich anschreien, durch Bemerkungen kränken oder ignorieren, richten einen großen Schaden an. Denn ein solches toxisches Führungsverhalten („Abusive Supervision“) führt bei Beschäftigten zu Unzufriedenheit, Stress, verminderter Arbeitsleistung und geringer Bindung an das Unternehmen. Diese Zusammenhänge hat aktuell ein Forschungsteam der Universität Bielefeld, der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie der Universität Trier anhand von kununu Daten näher beleuchtet.

Für die Studie wurde der komplette Datenbestand der Jahre 2016 und 2017 zur Verfügung gestellt, letztlich wurden 37.308 quantitative Bewertungen und 3.725 Textkommentare ausgewertet, die Mitarbeitende von 149 Unternehmen auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform abgegeben haben. Kommentare wie „Der direkte Vorgesetzte versucht dem Mitarbeiter das Gefühl zu geben, dass er nichts kann“ kommen relativ oft vor.

Schaden für Arbeitsklima und Performance

Das problematische Verhalten in der Führungsetage ist demnach keine Seltenheit. In 85 Prozent der Unternehmen konnte toxisches Führungsverhalten auf Basis der Analyse nachgewiesen werden, bei mehr als jedem fünften Arbeitgeber (21 Prozent) sogar ein ausgesprochen toxisches Führungsklima. Die Größe eines Unternehmens spielt dabei keine Rolle, in großen Firmen finden sich ebenso destruktive Führungskräfte wie in kleinen.

Die Daten zeigen außerdem: Das destruktive Verhalten der Führungskräfte hat negative Folgen und belastet sowohl das Arbeitsklima als auch die Unternehmensperformance. Untersuchte Unternehmen mit häufigem toxischem Führungsverhalten wurden mit einem Durchschnitt von 3,3 statistisch signifikant schlechter bewertet als Arbeitgeber, bei denen dieses Verhalten selten ist. Diese schnitten mit 3,5 ab. Je höher die Zufriedenheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, desto höher war auch die Performance des Unternehmens (gemessen in ROA-Return on Assets).

Schlechtes Management vergiftet die gesamte Führungskultur

Oft ist es der Studie zufolge gar nicht die oder der direkte Vorgesetzte, den die Mitarbeitenden für die schlechte Führungskultur verantwortlich machen. Häufiger wird die schlechte Führung in anderen Hierarchieebenen im Unternehmen verortet. Doch bereits eine destruktive Führungskraft hat Folgen für das ganze Unternehmen, sagt Prof. Dr. Christina Hoon von der Universität Bielefeld: „Es ist nicht egal, ob es eine schlechte Führungskraft in einem Unternehmen gibt. Schlechte Führung führt dazu, dass das Führungsklima insgesamt toxisch wird. Es überträgt sich auf andere Führungsebenen und kostet die Unternehmen Geld.“

Untersucht wurde dabei die Entwicklung der Gesamtkapitalrentabilität, also wie rentabel das gesamte Kapital einer Firma arbeitet. Es zeigt sich, dass „sich bei einer toxischen Führung das Zufriedenheitsklima und darüber dann auch die Firmenperformance reduziert“, sagt Hoon. Ihr Bielefelder Universitätskollege und Mitautor, Juniorprofessor Kai Bormann, fasst zusammen: „Unternehmen können es sich nicht erlauben, schlechte Führungskräfte auszuhalten oder zu ignorieren. Und das gilt insbesondere auch im finanziellen Sinn.“

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Wie sollten Unternehmen mit toxischem Führungsverhalten umgehen? Prof. Dr. Christina Hoon verweist darauf, dass fast jedes mittlere oder größere Unternehmen mittlerweile Leitlinien für ihre Führung formuliert hat. „Die klingen zwar super, suggerieren aber auch, dass in der Führungswelt alles in Ordnung ist. Daher sollten Unternehmen vielmehr prüfen, ob und wie dieses „normative Selbstbild“ von Führung tatsächlich auf den Arbeitsalltag einwirkt. Damit einher geht die Frage, ob Unternehmen Sanktions- oder Anreizsysteme für „gute Führung“ etabliert haben und „schlechte Führung“ konsequent geahndet wird“, fügt sie hinzu. Sie appelliert, dass Unternehmen aktiv an ihrer Führungskultur arbeiten müssen. Denn letztlich sei das eine Investition, die sich nicht nur für das Arbeitsklima, sondern auch finanziell für die Unternehmen lohnt.

Anika Dang

Anika Dang

Anika ist seit Juli 2017 Teil der kununu Redaktion und schreibt über Themen rund um Karriere und Arbeitswelt. Außerdem hat die Wienerin Texte bei der Neuen Zürcher Zeitung und Der Standard veröffentlicht.

 

Quelle:

[1] journals.aom.org