Ronny Steeger: „Taxifahrende Akademiker wollen es nicht anders“

Aus Mecklenburg ins schöne Wien, vom Chefsessel zur Praktikanten-Gang: Ronny Steeger, seit 27 Jahren für die Agentur für Arbeit Neubrandenburg als Pressesprecher tätig, traute sich genau das. Im Interview berichtet er über das Experiment und erklärt, warum Arbeitsagenturen – bitteschön – keine Gauner sind.

Ronny, du bist Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Neubrandenburg. Ein Mann vom Fach also. Von Nullnummer bis Überflieger: Wie sexy ist die Agentur für Arbeit als Arbeitgeber? Und jetzt mal bitte Hand aufs Herz, fundiert begründen und kein Pressesprech.

Im Zeugnis würde stehen: Note 1, weil attraktiv und hochinteressant! Die Begründung schieß‘ ich auch gleich hinterher: Wir sind ein Arbeitgeber mit tollen Benefits wie flexiblen Arbeitszeiten sowie Home Office und bieten unseren Mitarbeitern ein ausgeklügeltes Gesundheitsmanagement. Hinzu kommt, dass die Aufstiegsmöglichkeiten vielfältig sind, sodass Karriere tatsächlich möglich ist und niemandem langweilig wird. All diese Aspekte machen uns im Vergleich zu anderen Arbeitgebern sehr, sehr sexy.

Man liest von einem Imageproblem der Arbeitsagentur. Soll heißen: Der Ort wird eher ungern aufgesucht, obwohl er ja neben Jobperspektiven nicht zuletzt soziale Sicherheit bietet. Wie erklärst du dir das?

So ist es nicht ganz, denn wir haben kein schlechtes Image. Unser Ansehen unterscheidet sich bei verschiedenen  Kundengruppen: Wir sorgen a) für Jugendliche, betreuen b) Personen, die schon länger arbeitslos sind, und c) auch für Arbeitgeber sind wir da. Letztere sind beispielsweise mit unserer Arbeit sehr zufrieden. Dann wiederum gibt es Menschen, die unsere Hilfe nur ungern und unter Meckerei in Anspruch nehmen. Das liegt zumeist daran, weil sie sich eingerichtet haben, also nicht wirklich mehr vermittelt werden wollen. Dass jene ein Problem mit uns haben, wenn wir ihnen beispielsweise Bildungsmaßnahmen empfehlen, liegt auf der Hand.

Für die Registrierung neuer Arbeitssuchender hat ein Mitarbeiter 60 Sekunden Zeit, schreibt zumindest der SPIEGEL… 60 Sekunden genügen Dieben, um einen Mercedes zu knacken. Aber um einen Menschen zu kategorisieren? Ernsthaft?

Da kann ich alle beruhigen: Es sind tatsächlich mehr als 60 Sekunden pro Einzelschicksal. So planen meine Kollegen für Beratungen vor Ort mindestens eine Stunde ein. Was aber stimmt: Wir setzen im Vorfeld sehr viel darauf, dass Menschen selbständig vorarbeiten. Wir möchten ungern bei Beratungsgesprächen Zeit damit vergeuden, die Leute zu fragen, wann habt ihr wo gearbeitet und so weiter.

Haben Arbeitsagenturen Macht, weil sich jeder, der seine Arbeit verliert, dort melden muss? A la Termine einhalten, Maßnahmen akzeptieren, andernfalls gibt es kein Geld…?

Da ist etwas dran. Wir fördern zwar die Menschen, die zu uns kommen, aber wir fordern auch. Niemand bekommt Arbeitslosengeld dafür, dass er sich darauf einrichtet und vielleicht nie wieder arbeiten geht.

Das heißt, wenn man es herunterbricht auf zwei Schlagworte, was ihr von Menschen erwartet, dann sind das…?

Selbstinitiative – Suchende sollen sich in Zusammenarbeit mit uns um ihren Job kümmern. Und zweitens ist das Offenheit. Gute Kunden verstehen, dass Qualifizierung mittlerweile der beste Schutz ist vor Arbeitslosigkeit ist – und sperren sich nicht gegen empfohlene Weiterbildungsmaßnahmen.

Fachkräftemangel ist auf unserem kununu Blog ein heißdiskutiertes Thema. Du meintest, es vollziehe sich ein Wandel: Arbeitsagenturen müssten bald primär Arbeitgebern helfen, Arbeitnehmer zu finden… Erläutere das doch bitte mal.

Die Zeiten, in denen Arbeitgeber aus einem großen Pool an Fachkräften wählen konnten, sind vorbei. Zahlreiche offene Stellen, für die Fachkräfte benötigt werden, sind seit langem unbesetzt. Gerade in strukturschwachen Bereichen stellt das für Unternehmen eine völlig neue Situation dar. Sie haben mittlerweile erkannt, dass sie eben nicht mehr aus einem großen Pool an Experten fischen können – und kommen nun zur Arbeitsagentur, damit wir Wunder vollbringen.

Apropos Experten: Martin Gaedt bezeichnete den Fachkräftemangel in Deutschland als „Mythos“. Schüttelst du dazu den Kopf und stimmst du dem zu?

Weder noch. Wir sprechen nicht von einem Fachkräftemangel, sondern von Fachkräfte-Engpässen in bestimmten Bereichen und in bestimmten Branchen.

Wo denn konkret?

Im gesamten gewerblichen Bereich. Auch im Handwerksbereich sowie in der Gesundheits- und Pflegebranche.

Hat das Bild vom Taxi fahrenden Akademiker in Zukunft ausgedient?

Grundsätzlich ja. Denn Bildung zahlt sich aus. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass sich Hochschulabsolventen ganz bewusst für das Taxifahren entscheiden. Weil sie Spaß daran haben. Und das trotz oder gerade wegen der deutlich besseren Arbeitsmarktchancen für Akademiker.

Vor 120 Jahren betrug die Arbeitszeit oft noch 70 Stunden die Woche, dann wurde sie nach und nach auf 60, dann auf 50 und später auf 40 Stunden reduziert. Wo glaubst du, liegt die Zukunft… 30 Stunden, 20 – oder wird gar wieder aufgestockt?

Studien belegen, dass Arbeitnehmern ihre Freizeit sehr wichtig ist. Wir erleben Situationen, wo die Bewerber sagen: Ich bin eher bereit, etwas weniger Geld zu nehmen, aber dafür mit mehr Freizeit in der Tasche heimzugehen. Und darum, so glaube ich, geht die Entwicklung weg von den 40 Stunden in Richtung 20 Stunden.

„Mehr Jobs durch kürzere Wochenarbeitszeit“ – was hältst du von diesem Slogan?

Die Strategie kann in Teilen helfen. Sie hat aber auch eine große Schwäche: Was verdienen die Menschen mit beispielsweise einer Wochenarbeitszeit von 20 Stunden? Nicht viel. Doch nur wenn das Entgeld aus diesen 20 Stunden ausreicht, dann ist es umsetzbar.

Welche Infoquellen empfiehlst du unseren Lesern, die vielleicht auf der Suche nach einem neuen Job sind oder sich beruflich umorientieren müssen? Welche Informationen, Tipps, Portale hält die Agentur für Arbeit bereit?

Auf arbeitsagentur.de findet sich ein sehr umfangreiches Informationsportal mit sämtlichen Verlinkungen. Und obwohl wir 24/7 online erreichbar sind, glaube ich, dass das persönliche Gespräch mit dem Berater in der Arbeitsagentur nicht so schnell ersetzt wird.

Du bist jetzt seit 27 Jahren bei der Arbeitsagentur. Nichtmal Bock auf was Neues, ganz ehrlich?

Hin und wieder überkommt es mich – deswegen ja auch das Praktikum bei kununu. Aber ich bin ein Mensch, der Kontinuität mag, der gerne eine sichere Zukunft hat. Ich habe mich ja ganz bewusst für den öffentlichen Dienst entschieden. Und wenn man das tut, dann weiß man, dass man im Idealfall ab der Lehre und für die nächsten 40 Jahre beim gleichen Unternehmen arbeitet – und eben nicht alle 2 oder 3 Jahre „Arbeitgeber-wechsle-dich“ spielt, wie das bei der jüngeren Generation mittlerweile so üblich ist.

Hast du einen Tipp, wie man sich die Motivation erhält? Das ist ja quasi wie eine Liebesbeziehung… Am Anfang fliegen noch die Funken, dann schleicht sich Nörgelei ein.

Bei der Arbeitsagentur kann ich Gutes tun – und das ist meine größte Motivation. Diese Mission verfolge ich seit 27 Jahren – und langweilig wird es hier eher selten. Mein Tipp wäre: Sucht euch einen Arbeitgeber, für dessen Werte ihr euch immer wieder aufs Neue begeistern könnt – und die Gefühle bleiben stark.

Du warst jetzt eine Woche als Praktikant bei uns im kununu Office am Start. Höchste Eisenbahn für eine Bilanz: Was hat dir das Experiment gebracht?

Eure angenehme Arbeitsatmosphäre ist unschätzbar. Flache Hierarchien, die Hunde, all die Benefits, die euch geboten werden – ihr könnt euch verdammt glücklich schätzen. Euer CEO hat kein großes Einzelzimmer, sondern sitzt mitten im Office – das fand ich auch völlig überraschend. Vieles davon ist bei uns in der öffentlichen Verwaltung leider nur schwer umzusetzen. Ich habe viel gelernt, und bin beispielsweise beeindruckt, wie effektiv das Zusammenarbeiten verschiedener Bereiche funktionieren kann. Auch die Tischtennisplatte im Office wird mir definitiv fehlen.

Und was gibst du uns mit?

Behaltet euch unbedingt den Spaß und euren tollen Zusammenhalt! Mich hat begeistert, dass ihr beispielsweise am Mittag zusammen esst, euch über Wochenendpläne austauscht, euch sogar verabredet. Das ist weit mehr als ein Arbeitsumfeld, es hat beinahe etwas Familiäres – und das ist unglaublich wertvoll.

Dankeschön.

 

Über den Experten

Ronny Steeger ist seit 27 Jahren für die Agentur für Arbeit Neubrandenburg tätig. Seit 2004 ist er deren Pressesprecher. Sein Credo lautet: „Wer Fachmann auf seinem Gebiet ist, hat heute bessere Karten denn je.“ Ganz im Sinne des New Work-Ansatzes unterstützte er uns im Dezember als kununu Praktikant.