Roboter vor schwarzem Hintergrund

„Roboter können uns nicht ersetzen“ – Dr. Dr. Ruth Stock-Homburg im Interview

Mit dem Auto zur Arbeit fliegen und dort mit Mr. Robot den Schreibtisch teilen: Was erst mal klingt wie ein Science-Fiction-Film ist bald Teil unserer Arbeitswelt, meint Dr. Dr. Ruth Stock-Homburg, Professorin an der Technischen Universität Darmstadt. Warum wir keine Angst haben sollten von künstlicher Intelligenz verdrängt zu werden und wie man sich zukunftsfähig hält, wir haben im Interview nachgefragt.

kununu: Hologramme in Konferenzen, fliegende Autos und Roboter als Teamkollegen: Was wie ein Zukunftsfilm klingt, ist eigentlich gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt. Oder?

Dr. Dr. Ruth Stock-Homburg: Bei diesen neuartigen Technologien denken viele bestimmt zunächst noch an Science-Fiction-Filme, dabei stehen diese tatsächlich schon vor der Tür. Zum Beispiel ist das Kommunizieren über Avatare eine Technologie, die sehr bald massentauglich sein wird. Auch von fliegenden Autos gibt es bereits erste Prototypen.

Vielen ist nicht bewusst, dass Roboter bereits vielseitig in der Arbeitswelt eingesetzt werden, beispielsweise im Dienstleistungsbereich. Diese Technologien sind aktuell noch stärker im asiatischen Raum verbreitet, aber auch zunehmend in den USA. Zusammengefasst lässt sich also sagen: All diese Technologien existieren bereits und ich würde vermuten, dass sie innerhalb der nächsten 10 Jahre zu unserer Arbeitswelt gehören werden.

Sie gehen also davon aus, dass 2030 in klassischen Teams auch Roboter arbeiten werden. Was setzen Sie Kritikern entgegen, die Angst haben, von künstlicher Intelligenz ersetzt zu werden?

Zunächst ist zu sagen, dass wir von dem Thema künstliche Intelligenz technisch noch ein gutes Stück entfernt sind. Heute würde man eher von Machine Learning, also dem automatisierten Erkennen von Mustern aus existierenden Daten, sprechen. Aber auch diese Ansätze lassen Roboter bereits heute Tätigkeiten ausführen, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. Roboter werden beispielsweise an Informationsschaltern eingesetzt. Erste Einsätze von Robotern im Bereich Schulung und Weiterbildung, sowie beim Unterstützen strategischer Entscheidungen gibt es ebenfalls bereits. Hier wird sich in den nächsten Jahren noch einiges tun.

Was die Kritiker angeht, kommt es darauf an, welches Szenario wir wählen: In einem Bad-Case-Szenario könnten wir landen, wenn wir uns vor Neuem verschließen und versuchen, die Vergangenheit festzuhalten. Dann werden wir uns auch nicht mit neuen Arbeitsmodellen auseinandersetzen, wie sie gemeinsam mit Robotern aussehen könnten – und genau darin liegt die Gefahr. Denn dadurch kann es passieren, dass wir plötzlich unvorbereitet mit Robotern im Arbeitsmarkt stehen.

Ein Good-Case-Szenario können wir dadurch bewirken, dass wir offen gegenüber Robotern sind – und anders geht es eigentlich auch gar nicht, denn sie werden definitiv kommen. Wenn wir uns mit zukünftigen Jobs auseinandersetzen, kann der Einsatz von Robotern mehr Vorteile mit sich bringen als Probleme. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig mit alternativen Jobs für Menschen und mit integrierten Teams aus Robotern und Menschen zu beschäftigen. Nur dann wissen wir heute schon, wie die Arbeitswelt morgen aussehen wird.

Unternehmen, die das machen, werden keine Probleme damit haben, dass Roboter Menschen ersetzen könnten. Im Gegenteil: Sie werden frühzeitig die Tätigkeit der Menschen entsprechend bereichert und optimiert haben, und teilweise auch neue Tätigkeiten und Berufsfelder geschaffen haben, in denen Menschen einzigartig sind und Roboter auf lange Zeit bestimmt nicht eingesetzt werden können.

Stichwort: Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Um genau diese Eigenschaft zu analysieren, haben Sie den Future-Work-Navigator entwickelt. Wie funktioniert er?

Der Future-Work-Navigator geht von dem Prinzip aus, dass man nur managen kann, was man auch messen kann. Hierbei werden vier Dimensionen unterschieden, die die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens ausmachen. Zum einen die Anpassungsfähigkeit – Zukunftsfähigkeit fängt damit an, dass Unternehmen ihr heutiges Tagesgeschäft gut managen. Dies ist bei den vielen Innovationen aus anderen Branchen selbst für etablierte Unternehmen gar nicht mehr so selbstverständlich. Denken Sie beispielsweise an die Automobilindustrie, die durch elektrische oder selbstfahrenden Autos von Elektro- oder IT-Giganten wie Tesla oder Google vor ganz neue Herausforderungen gestellt wird. Die zweite Dimension ist die Gestaltungsfähigkeit. Unternehmen, die gestalten wollen, experimentieren mit neuen und innovativen Arbeitskonzepten. Vorreiter in Deutschland sind in diesem Bereich Vodafone, die in Düsseldorf einen ganz neuen Campus errichtet haben, aber auch Unternehmen wie Microsoft oder Google Deutschland. Die dritte Dimension umfasst die Integration von Anpassung und Gestaltung. Dies ist gar nicht so einfach, da hier häufig „alte“ und „neue“ Welten aufeinandertreffen. Die vierte Dimension dreht sich um die Zukunftsorientierung. Diese bedeutet, dass Unternehmen zwei Schritte voraus denken, sich für Zukunftsthemen begeistern und Zukunftstrends verstehen. Vor allem die letzte Dimension ist sehr entscheidend. Denn nur wenn sich Arbeitgeber heute schon Gedanken zu zukünftigen Entwicklungen machen, können sie auf dem neusten Stand und im besten Fall in ihrer Planung immer zwei Schritte voraus sein. Das Thema hatten wir ja bereits eingangs in Verbindung mit den beiden Szenarien für den zukünftigen Einsatz von Robotern.

In welcher Branche sehen Sie aktuell am meisten Zukunftspotential und warum?

Gemäß unseren Daten sehen wir das höchste Potenzial in der IT-Branche. Diese schneidet mit Abstand am besten ab in puncto Zukunftsorientierung. Eine Überraschung war für uns, dass sich der Finanzbereich gut behauptet – und das schon seit mehreren Jahren. Außerdem ist die Pharmabranche auch gut aufgestellt. Das sind momentan die drei stärksten Branchen in Hinblick auf zukünftiges Potenzial.

Mein Eindruck ist, dass sich im letzten Jahr einiges getan hat. Gerade auch in Verbindung mit der Datenschutzgrundverordnung sind viele Unternehmen aufgewacht. Deswegen sind wir auch so gespannt auf die neuen Ergebnisse unserer Untersuchung. Eine erste Tendenz ist im Bereich Logistik erkennbar. Ob und wieviel sich insgesamt bewegt hat, werden die Ergebnisse unserer Studie zeigen.

Warum ist es so wichtig, dass möglichst viele Arbeitnehmer an der Studie teilnehmen?

Wer an der Studie teilnimmt, bekommt direkt eine Rückmeldung über die Zukunftsfähigkeit des eigenen Arbeitgebers im Vergleich zur gesamten Branche. Der Kurzcheck hilft also dabei, die Frage zu beantworten, ob ich bei meinem Arbeitgeber gut aufgehoben bin und das auch in Zukunft sein werde. Denn wenn ich über einen bestimmten Umstand nicht Bescheid weiß, kann ich mir auch keine Gedanken machen, wie ich damit umgehen sollte. Und genau da kommt unsere Studie ins Spiel: Sie soll eine Orientierungshilfe bieten und darüber Auskunft geben, wo ich und mein eigener Arbeitgeber gerade stehen. Darüber hinaus ist diese Studie eine gute Gelegenheit, seine eigene Meinung zu äußern. Wer nicht selbst gestaltet, wird von anderen gestaltet, und zwar ohne jeglichen Einfluss.

Um herauszufinden wie zukunftssicher dein Arbeitgeber ist, kannst du hier an der Studie teilnehmen.

Was raten Sie Arbeitnehmern, die bei einem nicht zukunftsfähigen Arbeitgeber beschäftigt sind?

Hier gibt es keine Pauschalantwort. Wem Arbeitsmarktfähigkeit wichtig ist und wer deshalb selbst permanent fit für den Arbeitsmarkt bleiben möchte, sollte schon bei der Jobsuche einen Arbeitgeber wählen, der im Bereich Zukunftsfähigkeit gut aufgestellt ist. Wer außerdem auch nach Abwechslung sucht, kann sich natürlich öfter nach einem passenden Arbeitgeber umschauen. Wem das Thema Zukunftsfähigkeit nicht so wichtig ist oder wer schon seit vielen Jahrzehnten bei einem Arbeitgeber beschäftigt ist und dort zufrieden ist, sollte keine Probleme haben, dort zu bleiben – solange es die eigene Zufriedenheit nicht beeinträchtigt.

Natürlich ist es trotzdem nie falsch, zu beobachten, wie es um den eigenen Arbeitgeber steht. Denn unsere Studien haben ergeben, dass sich schlechte Zukunftsfähigkeit auch auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auswirken. Dann kann es im schlimmsten Fall passieren, dass nicht zukunftsfähige Arbeitgeber vom Markt verdrängt werden. Diesen Umstand sollte man bei der Wahl des Arbeitgebers auch im Hinterkopf behalten.

Was kann ich tun, um selbst zukunftsfähig zu bleiben?

Es gibt ein Phänomen, das nennt sich „Mindlessness“. Das bedeutet im Grunde, dass Menschen an der Vergangenheit festhalten und dadurch unangenehme Informationen und Veränderungen ignorieren. Eigentlich handelt es sich um einen Schutzmechanismus, der bereits in jedem von uns steckt. In extremer Form kann dies uns allerdings unflexibel und ignorant machen. Was kann man also dagegen tun? Die Augen offen halten und sich nicht vor Neuem verschließen. Auch das gerne praktizierte Prinzip „Never Change a Winning Team“ kann hier zur Falle werden. Wir sollten regelmäßig reflektieren, ob bewährte Dinge wirklich so gut sind oder ob Mitbewerber uns nicht gerade überholen. Dies erfordert Mut, der vielen leider fehlt. Mein Tipp ist daher: Wer nicht davor zurückschreckt, über den eigenen Tellerrand zu blicken, wird auf persönlicher Ebene in Sachen Zukunftsfähigkeit so schnell kein Problem haben.

Vielen Dank für das Interview!


Über die Expertin:

Ruth Stock-Homburg

Frau Prof. Dr. Dr. Ruth Stock-Homburg, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Psychologin, ist Inhaberin des Fachgebiets Marketing und Personalmanagement an der Technischen Universität Darmstadt. 2006 war sie Deutschlands jüngste Professorin für Betriebswirtschaftslehre und forschte darüber hinaus als Visiting Scholar an der Sloan School of Management des MIT Cambridge. Ferner ist sie Gründerin der leap in time GmbH, einem Forschungsinstitut, das sich der Untersuchung zukünftiger Arbeitswelten gewidmet hat. Als Expertin des Themas „Zukunft der Arbeitswelt“ hat Prof. Stock-Homburg den Future Work Navigator, ein Instrumentarium zur Erfassung der Zukunftsfähigkeit von Unternehmen, entwickelt. In ihrer Forschung widmet sie sich insbesondere den Themenfeldern Arbeitswelt 4.0, Mensch-Roboter Interaktion, Nutzerinnovationen und Leadership und ist im Zuge dessen 2018 als Mitglied in den hessischen Rat für Digitalethik berufen worden.

 

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