Arbeitsalltag
Das Phänomen Quiet Hiring: Nach Entlassungen müssen die Verbliebenen mehr Arbeit stemmen
Immer mehr Unternehmen in Deutschland verzichten darauf, offene Stellen nachzubesetzen. Stattdessen übernehmen bestehende Teams zusätzliche Aufgaben. Neue Daten zeigen: Seit dem Frühjahr nehmen Hinweise auf Personalmangel deutlich zu und immer häufiger berichten Beschäftigte gleichzeitig von Stress und Überlastung.
Personalmangel nimmt seit dem Frühjahr wieder zu
Eine Auswertung von kununu Bewertungen zeigt eine klare Trendwende. Nach einem Rückgang bis März steigen Hinweise auf Personalmangel Monat für Monat an. Besonders auffällig: Die Zahl der Bewertungen, in denen ausdrücklich von Personalmangel die Rede ist, liegt im Juli rund 61 Prozent über dem Tiefpunkt im März. Auch Begriffe wie Unterbesetzung, Personalknappheit oder Fachkräftemangel werden wieder deutlich häufiger genannt.
Wenn aus Personalmangel Überlastung wird
Mit dem Personalmangel wächst auch die Belastung. Im Juni und Juli enthält bereits mehr als jede zweite Bewertung mit einer expliziten Personalmangel-Nennung gleichzeitig Hinweise auf Stress, Arbeitsdruck oder Überforderung. Die Daten legen nahe, dass fehlendes Personal zunehmend dazu führt, dass bestehende Teams dauerhaft mehr Arbeit übernehmen müssen.

Quiet Hiring kann Chance oder Belastung sein
Dieses Vorgehen wird häufig als Quiet Hiring bezeichnet. Unternehmen besetzen zusätzlichen Personalbedarf intern, anstatt neue Mitarbeiter einzustellen. Das kann Beschäftigten neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Problematisch wird es jedoch, wenn zusätzliche Aufgaben hinzukommen, ohne dass andere Tätigkeiten entfallen oder mehr Zeit, Anerkennung oder Vergütung bereitgestellt werden.
Warnzeichen für problematisches Quiet Hiring:
- Offene Stellen werden nicht nachbesetzt.
- Aufgaben ausgeschiedener Kollegen werden dauerhaft verteilt.
- Überstunden werden zur Normalität.
- Verantwortung wächst schneller als Zeit und Handlungsspielraum.
- Anerkennung oder Vergütung bleiben aus.
Unternehmen stehen unter doppeltem Druck
Viele Arbeitgeber kämpfen gleichzeitig mit Fachkräftemangel und steigenden Kosten. Neueinstellungen werden deshalb häufig verschoben oder gestrichen, obwohl die Arbeitsmenge bestehen bleibt. Genau in diesem Spannungsfeld gewinnt Quiet Hiring an Bedeutung. Für Unternehmen kann das kurzfristig helfen, Personalengpässe zu überbrücken – für Beschäftigte steigt jedoch das Risiko einer schleichenden Dauerbelastung.
Was Betroffene konkret tun können
Wer sich selbst in dieser Lage befindet, sollte die zusätzlichen Aufgaben, den tatsächlichen Zeitaufwand und anfallende Überstunden möglichst genau dokumentieren. Arbeitsrechtler Thomas Klaes empfiehlt im SPIEGEL-Interview, das Gespräch mit der Führungskraft höflich, aber klar zu suchen: Welche bisherigen Aufgaben entfallen, wie wird der Mehraufwand berücksichtigt und welche Gegenleistung gibt es für die zusätzliche Verantwortung? Überstunden sollten möglichst offiziell angeordnet und schriftlich festgehalten werden. Weichen die neuen Tätigkeiten deutlich vom Arbeitsvertrag ab oder lassen sie sich nicht innerhalb der vereinbarten Arbeitszeit bewältigen, können Beschäftigte den Betriebsrat einschalten oder arbeitsrechtlichen Rat einholen. Der Betriebsrat kann unter anderem Auskunft darüber verlangen, welche Stellen wegfallen, wie Aufgaben verteilt werden und welche Folgen das für Arbeitszeit und Belastung hat.
Die Daten sind ein Warnsignal
Die Auswertung beweist zwar nicht, dass Unternehmen flächendeckend auf Quiet Hiring setzen. Sie zeigt jedoch einen deutlichen Zusammenhang: Seit dem Frühjahr nehmen Hinweise auf Personalmangel zu, gleichzeitig berichten Beschäftigte immer häufiger von Stress und Überlastung. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie Arbeit verteilt wird, sondern ob zusätzliche Verantwortung mit ausreichend Zeit, Qualifizierung und Anerkennung verbunden ist.