Jobwechsel-Experiment: Vom Kondom-Händler zum Bierbrauer

Der Deal wurde bei einem Bier ausgehandelt: Philip Siefer, Co-Gründer des Berliner Start-ups einhorn, tauschte eine Woche lang mit Ottakringer-Vorstandschef Matthias Ortner den Chefsessel. Ein Interview über die Learnings, „leiwande“ Mitarbeiter und Teamspirit.

Kondome und Bier – da geht was

Die Welt braucht Kondome, die hübsch verpackt sind, die man ohne Scham zeigen kann und obendrauf sollen sie ökologisch und sozial sauber sein. Mit dieser Vision gründeten Philip Siefer und Waldemar Zeiler vor drei Jahren ihr Start-up namens einhorn. Eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion und zahlreiche erfolgreiche Marketing-Gags später liebt es sich vielerorts nur noch mit einhorn-Kondomen. Kurzum: Die bunten Design-Verpackungen – ob als Pommestüte gestaltet oder die Orgie als Motiv – haben bei der „Generation Beziehungsunfähig“ einen ähnlich hohen Sammelfaktor wie die Panini-Sticker während der Fußball-WM.

Im Firmensitz von einhorn in Kreuzberg will sowieso jeder arbeiten. Der Grund: Zeiler und Siefer wissen, wie man Mitarbeiter glücklich macht. So richtig, richtig glücklich. In Sachen Unternehmenskultur wagen sie sich auf neue Wege: Ihre Mitarbeiter dürfen beispielsweise selbst über ihr Gehalt entscheiden. Klar, dass das ankommt. Und so zählt das Start-up mittlerweile 17 Angestellte.

Die Idee

Zentimeter für Zentimeter entwächst das Start-up den Kinderschuhen. Und damit summieren sich die Herausforderungen. Mehr Mitarbeiter, mehr Kondom-Freunde, mehr Lieferanten, mehr Produkte und Verkäufe, die zu handhaben sind. Wie aber funktioniert das mit der Professionalisierung? Wie schafft man Strukturen ohne bürokratisch zu werden? „Copy & paste“ bei den Etablierten kam für Siefer und Zeiler nicht in Frage. Aber mal bei einem „Big Player“ hinter die Kulissen schauen – why not?

In einer Bierlaune kam den Gründern die Idee zu dem CEO-Tausch. Als Gegenpart mit von der Partie: Matthias Ortner, CEO von Ottakringer, Wiens ältester Privatbrauerei. Der Österreicher ließ sich nicht zweimal bitten und tauschte mit Siefer den Chefsessel.

Im Interview: Philip Siefer über den CEO-Tausch

Tradition traf auf Start-up, Wien auf Berlin, das „16er Blech“ auf die 7-Stück-Packung. Wir wollten von Philip Siefer wissen, wie der CEO-Tausch so lief, wie der hippe Vollbart in Wien so ankam und vor allem: was das Experiment überhaupt gebracht hat.

 

kununu: Drehen wir mal die Zeit zurück. Du stehst am Flughafen Tegel, freust dich auf den CEO-Tausch. „Wien“ steht auf deinem Ticket, denn dort findet sich ja die Ottakringer-Zentrale. Welche Erwartungen hattest du im Gepäck?

Philip Siefer: Meine Erwartung war, ein Riesenabenteuer zu erleben. Eine völlig neue Perspektive anzunehmen. Ich war tatsächlich seit langem mal wieder aufgeregt auf das, was passieren würde!

 

Pempern, pudern, schnacksln – klar. Aber darüber reden? Naaaa! Der Wiener hat ein eher konservatives Gemüt. Da kommt also ein neuer Chef, der sich gern mal ein Verhüterli über den Kopf zieht und sich selbst nicht so ernst nimmt… Wie oft hast du „Geh, schleich di!“ oder andere skeptische Worte gehört?

Ich gebs zu, ich hatte wirklich Bammel, dass sie mir keine Chance geben! Vor allem, weil ich am ersten Tag im Jour fixe dem Management-Team die Frage gestellt habe: „Warum macht ihr das eigentlich so…?“ Deren Antwort: „Das machen wir schon immer so“. Für mich ein absolutes No-Go. Ich habe dann erklärt, dass ich nur eine Woche da bin. Und wer keine Lust hat mitzumachen, der braucht das nicht zu tun. Aber wer will, der kann solchen Floskeln auf den Grund gehen und etwas Neues ausprobieren. Das hat geklappt!

 

Ich nehme mal an, du hast bei Ottakringer ordentlich Feenstaub gestreut. Wie sah deine Woche als Ottakringer Oberhaupt so aus?

…ziemlich durchgetaktet. Ohne meine Assistentin Kerstin hätte ich oft nicht gewusst, wo es als nächstes hingeht. Sie hat mich immer fünf Minuten vor dem nächsten Termin gebrieft, was passiert, was ich wissen muss – und, wichtig auf einem vier Hektar großen Gelände, – wo das stattfinden soll. Apropos: Ich fand den ganzen Ottakringer-Campus ziemlich super. Die Konferenzräume habe ich da auch gerne mal gegen die Dachterrasse eingetauscht: Was für ein Blick!

 

Mal konkret: Was stand an?

Los gings mit einer Rede, was ich während des CEO-Tausches so vorhabe. Mein erster Satz, um die österreichischen Gemüter zu beruhigen, lautete übrigens: „Ich komme in Frieden.“ Kam gut an. Es folgte die Neuauflage – und bis dato wohl kreativste Version – eines Teamfotos mit all den 150 Ottakringern. Obendrauf Sales-Termine und Social Events inklusive Handshaking mit Wiens Bürgermeister und Außenminister Sebastian Kurz. The next big thing: Wir haben für Ottakringer die Amazon Prime Now-Listung erwirkt – wichtig für all die durstigen Ottakringer-Fans da draußen! Ein weiteres Highlight: 15 neue  Ottakringer-Produkte wurden entworfen – inklusive einem Radler-Eis. Saulecker, ich versprech’s euch! Im Sinne der Mitarbeiter wurde das Thema Fehlerkultur angesprochen und an einer neuen Kantine getüftelt. Auch die Dachterasse, von der ich euch ja bereits geschwärmt hatte, ist nun weiter fortgeschritten in ihrer Planung. Über den Dächern von Ottakring Pause machen oder Meetings abhalten – ein absolutes Muss!
Unterm Strich: Es ist wirklich viel passiert, ich habe wirklich maximal viel Feenstaub gestreut. Doch: Ohne diese Wahnsinns-Ottakringer-Mannschaft wär „goanix“ gelaufen. Ich schwörs beim Berliner Fernsehturm.

 

Höchste Eisenbahn für die erste Bilanz: Was hat der CEO-Tausch gebracht?

CEO-Tausch funktioniert. Und er hilft! Ein solcher Perspektivenwechsel ist eine sehr schnelle Art, um viel über die anderen, aber auch über sich selber zu erfahren. Die Learnings sind groß und beide Seiten können gewiss noch lange davon zehren.

 

Was konkret nehmen die einhörner wieder mit nach Berlin und was legst du den Ottakringern ans Herz?
Das wichtigste Learning: Kultur statt Struktur. Die Ottakringers haben eine Struktur, aber auch eine super Kultur – und die würde vermutlich reichen. Bei einhorn habe ich festgestellt, dass wir zwar eine Kultur haben, aber wenig Struktur und kaum Systeme. Das führt dazu, dass alles immer neu gedacht werden muss. Und ja, manchmal ist das sehr ineffizient. Auf der anderen Seite gibt es aber auch kein „Das machen wir schon immer so“-Gespräch. Das kann ich gar nicht ab.

 

Und was sagt der Kollege: Wie ist es dem Ottakringer-Boss in Kreuzberg ergangen?

Matthias ist ein echter Freund geworden. Er hat uns das Enterprise-Resource-Planning vorgeschlagen. Das bedeutet, wir sollen mehr Augenmerk auf Kapital, Personal, Betriebsmittel, Material, Informations- und Kommunikationstechnik und IT-Systeme legen und im Sinne des Unternehmenszwecks rechtzeitig und bedarfsgerecht planen und steuern. Und Matthias hat bewiesen, dass die Österreicher den Berlinern in nichts nachstehen: Er hat ganz cool im Plüschkostüm unsere Goodies verteilt und war in der „Wilden Renate“, einem Techno-Club in Berlin-Friedrichshain.
Hier teilt er seine Eindrücke im einhorn-Podcast ausführlich.

 

einhorn zählt 17 Mitarbeiter, Ottakringer fast zehmal so viele: Wie gefallen dir diese Dimensionen – vorstellbar für einhorn?

Absolut. Nicht nur vorstellbar, sondern erklärtes Zwischenziel. Punkt.

 

Fast 22.000 facebook-Fans, über 9.000 Lover bei Instagram. einhorn mag man einfach – scheint, als wäre da eine Marketingsstrategie mehr als aufgegangen. Was muss passieren, dass Ottakringer den einhorn’schen Coolnessfaktor bekommt?

Ich setze auf eine firmeneigene Designabteilung: Eine Marke entsteht im Unternehmen, sie wächst aus der Kultur und den Menschen. Irgendjemand muss genau das visualisieren und eben auch designen. Und das sollte keinesfalls ausgelagert werden, sondern direkt im Unternehmen stattfinden, andernfalls geht so viel verloren.

 

Von zero bis Ryan Gosling: Wie sexy ist Ottakringer als Arbeitgeber?

Sehr! Also ziemlich „Liz von Wagenhoff“ (Anm. d. Redaktion: Verlobte von Philip) würde ich sagen. Einige Ottakringer sind seit über 35 Jahren dabei. Das spricht für gutes Miteinander!

 

Bei kununu kommt Ottakringer auf einen Score von 3,26 von 5 möglichen kununu Punkten (Stand: Ende Mai 2017). Gegrantelt wird beispielsweise über die Meetingkultur, aber auch über fehlende Fairness. Für letzteres habt ihr einen ganz interessanten Ansatz: Bei einhorn bestimmen Mitarbeiter über Gehalt und Urlaubstage. Inwiefern könnte das auch bei Ottakringer funktionieren?

Ach Mist, hätte ich das mal vorher gewusst…! Mein Vorschlag: Meetings auf der dann schönen Dachterasse. Im Stehen oder Laufen, da fließen die Ideen besser. Zum Punkt Fairness: Mmh, vielleicht würde ein Kommunikations-Coaching dem Team helfen, Sachen schneller und besser ansprechen zu können. Ein Bedürfnis nach Fairness hat ja jeder.

 

Wir sagen: Bussi, baba, danke Philip.

Hier gibts alle Informationen zu dem CEO-Tausch.

Die Ottakringer Brauerei AG als Arbeitgeber

Die Fotos: