„Nehmt uns für voll!“ – Ein Plädoyer für die Teilzeit

Alleine in Deutschland gibt es 15,3 Millionen Arbeitskräfte, die in Teilzeit arbeiten. 15,3 Millionen, die tagein tagaus dafür kämpfen, von den Kollegen ernst genommen zu werden. 15,3 Millionen, die stets den Versuch unternehmen, dem Informationsfluss hinterher zu kommen. 15,3 Millionen, die wir eigentlich ganz anders behandeln und als vollwertiges Teammitglied ansehen sollten. Ein Plädoyer für alle Teilzeitkräfte da draußen.

„Ich bin nicht faul!“

Warum arbeitest du eigentlich nur 20 Stunden in der Woche? Gute Frage, gute Antwort: Während sich die meisten Vollzeitkräfte jeden Morgen auf ihre Bürosessel fallen lassen, vor sich hinarbeiten und ab dem Nachmittagskaffee dem Feierabend entgegen fiebern, hört für alle Teilzeitler der Arbeitstag noch nicht um 17 Uhr auf. Manche studieren nebenher und haben sich für den härteren Weg entschieden, weil sie freiheitsliebend sind und unbedingt von zu Hause ausziehen wollen, weil sie von den Eltern finanziell unabhängig sein wollen oder sich nach ein paar Jahren im Job, noch einmal für ein Studium entschieden haben. Manche verwirklichen aber auch neben ihrem eigentlichen Beruf ihren Traum von einem Projekt, das sie schon lange im Sinn hatten und bauen sich nebenher als Selbstständige ein eigenes Business auf. Manche haben Kinder, die nun einfach mal die Priorität Nummer Eins in ihrem Leben sind, für die sie keinen Kita-Platz für 10 Stunden bekommen haben oder für die kein Platz in der Gesamtschule war und für deren Wohl sie gerne ein paar Euro weniger im Monat verdienen. Manche kümmern sich aber auch nicht nur um die Neugeborenen, sondern um die Älteren, die eigentlich eine Vollzeit-Pflege benötigen und nicht ins Heim möchten. Doch egal welches Motiv der Grund für die Teilzeit ist, eines steht fest: Langweilig wird den Teilzeitkräften in ihrer Freizeit sicher nicht – und faul, sind sie erst recht nicht.

 

Auch Teilzeitkräfte werden geschätzt und deren Leistung und berufliche Qualifikation honoriert.

–  MitarbeiterIn bei LeitnerLeitner GmbH

„Nehmt uns für voll!“

Nachdem wir mit Vorurteil Nummer 1 abrechnen konnten, steht nun Vorurteil Nummer 2 vor Gericht: Teilzeitkräfte sind nicht qualifiziert. Würdest du dich trauen zu behaupten, dass eine jahrelange Managerin, die sich entschlossen hat, noch ein zweites Studium zu beginnen, wenig Berufserfahrung hat? Würdest du dich trauen zu behaupten, dass ein Vater, der in Elternteilzeit ist, weniger belastungsfähig ist als ein Frischling von der Uni? Würdest du dich trauen zu behaupten, dass die Arbeit von Teilzeitkräften unwichtig für das Unternehmen ist? Nein! Denn auch wenn „Teilzeit“ eine Beschreibung für deinen Jobstatus ist, hat sie überhaupt nichts gemeinsam mit den Wörtern „Berufserfahrung“ oder „Qualifizierung“. Gerade sind es doch meistens nicht die Vollzeitkräfte, die den Laden am Laufen halten, sondern vielmehr die, die nur ein paar Stunden da sind, die ganzen kleinen Dinge im Hintergrund erledigen und euch, den Vollzeitkräften, so unter die Arme greifen. Deswegen gebt doch bitte den heimlichen Helfern, den kleinen Wichteln im Hintergrund, das Gefühl, dass ihr sie ernst nehmt und ihre Arbeit schätzt. Schließlich tut es dir nicht weh und andere fühlen sich dadurch wesentlich wohler.

 

Als Führungskraft kann man in Teilzeit nach der Babypause gehen.

–  MitarbeiterIn bei Mondelez Österreich

 

„Vergesst uns nicht!“

Schon klar, wenn man jemandem im Team nur ein paar Stunden in der Woche sieht, der dann so viel zu tun hat, dass er kaum Zeit für ein Pläuschen hat und mit großer Mühe versucht trotzdem alle To-Dos von seiner Liste abzuarbeiten, ist die Versuchung, ihn als Teammitglied zu vergessen, groß. Aber bitte, nehmt doch auch eure Kollegen, die Teilzeitkräfte, in eure Mailverteiler auf, teilt Erkenntnisse mit ihnen auf Slack oder postet sie in euer Intranet – sie wollen es auch wissen. Denn für dich sind das nur wenige Minuten, für andere sind es aber wertvolle Informationen, die sie anderen Kollegen erst über Stunden aus der Nase ziehen hätten müssen. Und ob du’s glaubst oder nicht, aber auch du profitierst davon: Denn je besser euer Informationsfluss ist, je besser ihr als Team zusammenarbeitet und je besser ihr euch umeinander kümmert, desto besser wird eure gesamte Arbeit. Deswegen denkt daran: Teilzeitkräfte sind auch Teil des Teams.

 

 

Quelle:

statista.com