Ist dein Job Bullshit?

Wir feiern uns als Issue-Manager, Welcome-Supervisor und Head-of-Communications-Account-Administratior, schmeißen dabei vollbedruckte Visitenkarten zwischen Wettersmalltalk und Begrüßungsformeln und profilieren uns mit endlosen Job-Titeln ­­– nur um zu sehen, wer den längsten hat. Schließlich sollen die kurios aneinandergereihten Wortkonstellationen irgendwie definieren, was wir tun, wer wir sind und warum es uns wert ist, uns jeden Tag viel zu früh in überfüllte U-Bahnen zu quetschen und auch weit nach Feierabend mit glasigen Augen an flackernden Bildschirmen kleben. Dass aber gerade eben dieser Sinn bei vielen Jobs fehlt, glaubt David Graeber, Professor der Anthropologie an der London School of Economics. In seinem Artikel On the Phenomenon of Bullshit Jobs: A Work Rant und seinem Buch Bullshit Jobs – A Theory geht er dem Phänomen auf den Grund – und stellt mit seinen radikalen Aussagen den ein oder anderen Beruf in ein sehr schlechtes Licht.

„Es ist eine Narbe in unserer kollektiven Seele. Aber kaum jemand spricht darüber.“

Graeber ist sich sicher: Eigentlich sollte es in Ländern wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten längst eine 15-Stunden-Woche geben. Denn technisch gesehen wären wir dank der Automatisierung und fortschreitender Entwicklungen längst dazu in der Lage – und doch ist genau das noch nicht passiert. Vielmehr, so glaubt Graeber, haben technische Innovationen eher nur eins getan: Neue Wege gefunden, um uns alle mehr arbeiten zu lassen.  Es wurden Jobs geschaffen, die auf eine erschreckend effektive Weise sinnlos sind. Der Anthropologe geht davon aus, dass insbesondere in Europa und Nordamerika unzählige Menschen ihr gesamtes Arbeitsleben damit verbringen, Aufgaben zu erledigen, die sie insgeheim selber für unnötig halten. Und dass uns das auf Dauer in ein moralisches Dilemma und eine orientierungslose Selbstfindung bringt, ist abzusehen.

Graeber zeigt auf: Im Laufe des letzten Jahrhunderts ist die Zahl der Arbeitnehmer, die in der Industrie und im Agrarsektor arbeiten, dramatisch eingebrochen. Zeitgleich hat sich aber die Zahl der Fach-, Führungs-, Büro-, Verkaufs- und Dienstleistungsarbeiter verdreifacht. Sie macht mittlerweile nicht mehr nur einem Viertel, sondern drei Viertel der Gesamtbeschäftigung aus. „Mit anderen Worten, produktive Arbeitsplätze sind, wie vorhergesagt, weitgehend automatisiert. (…) Ja, wir haben seit den 20er Jahren eine endlose Vielfalt an neuen Jobs und Branchen erlebt, aber nur wenige haben etwas mit der Produktion und dem Vertrieb von Sushi, iPhones oder schicken Sneakern zu tun.“

Was ist also ein Bullshitjob? Ein Job, der so sinnlos ist, dass selbst die Person – die ihn tagtäglich ausführen muss – eigentlich keinen guten Grund darin sieht. Sie können es vielleicht nicht vor ihren Kollegen zugeben, aber sie sind überzeugt, dass der Job trotzdem sinnbefreit ist. [1]

„Es ist, als würde jemand da draußen sinnlose Jobs schaffen, nur damit wir nicht aufhören zu arbeiten.“

Der Professor der London School of Economics erklärt sich diese Entwicklung dadurch, dass wir nicht zuzulassen, das sich durch technologische Entwicklungen unsere Arbeitsstunden massiv reduzieren könnten. Stattdessen schaffen wir ganz neue Branchen im Verwaltungssektor, in Finanzdienstleistungen, Telemarketing oder Gesellschaftsrecht, akademische und Gesundheitsverwaltung, Personalwesen und Öffentlichkeitsarbeit. Wir kreieren ganze Berufsfelder, die es eigentlich nur gibt, weil sie anderen Branchen administrative, technische oder Sicherheitsunterstützung bieten sollen. In Graebers Augen ist diese Entwicklung nicht wirtschaftlich, sondern moralisch und politisch. In unserer Gesellschaft sei der moralische Wert von Arbeit so stark verankert, dass der, der sich nicht „einer Art von intensiver Arbeitsdisziplin unterwerfen will, nichts verdient“.

Deswegen reden wir uns selber ein, dass das was wir tun wichtig ist und dass unsere täglichen Anstrengungen einen Sinn haben. Aber vielleicht ist diese Unsicherheit auch ein Grund dafür, dass Generation Y und Z in vielerlei Hinsicht in der Berufswelt orientierungslos umherstreift und sich nach dem Studium in „Urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement“ erstmal zwischen Weltrettung und #YOLO in Australien finden muss. Und auch wenn sich in dieser Hinsicht nichts pauschalisieren lassen sollte – in einem Artikel im Guardien, stellt Graeber 5 Bullshitjobs-Typen heraus: [1]

Bullshitjob #1: Flunkies

Flunkies erhalten eine mini Aufgabe, die ihre Existenz zu rechtfertigen sollen. Aber alles nur ein Vorwand, meint Graeber. Denn eigentlich sind diese Jobs hauptsächlich dazu da, jemand anders schlechter aussehen zu lassen und sich selber in ein besseres Licht zu rücken. Offensichtliches Beispiel, welches der Professor aus London aufführt: Türsteher oder Doorman, deren einzige Aufgabe es ist, in Lederjacken Absperrungen auf und zu zusperren oder in Uniformen als Portier Aufzugsknöpfe zu drücken. Ähnlich würde sich das laut Graeber auch mit Telefonassistenen verhalten, die ebenfalls Wichtigkeit für jemand anderen untermauern.

Bullshitjob #2: Goons

Hierunter versteht Graeber Jobs mit aggressiven Elementen, die eigentlich nur bestehen, weil andere Menschen in den selben Rollen beschäftigt sind und sich diese Rollen gegenseitig manipulieren und anstacheln. Er nennt als Beispiele die Armeen der verschiedenen Länder, aber auch Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telemarketers und Firmenanwälte sowie Call-Center-Mitarbeiter, die „Leute anrufen, um ihnen nutzlosen Scheiß zu verkaufen“.

Bullshitjob #3: Duct-Tapers

Dieser Job ist da, um Probleme zu lösen, die nicht existieren sollten. Laut Graeber sind es Tätigkeiten, die Fehlentscheidungen, Mängel oder Missgeschicke wieder geradebiegen müssen. Duct-Taper-Jobs sind das Ergebnis einer Panne des Systems, um die sich noch niemand gekümmert hat und die eigentlich leicht durch automatische Prozesse ersetzt werden könnten.

Bullshitjob #4: Box-Tickers

Auch hier ist Graebers Meinung wieder sehr polarisierend: Box-Ticker existieren nur, damit eine Organisation behaupten kann, dass sie bestimmte Dinge tut – obwohl sie genau das eigentlich nicht macht. Das gemeine dabei ist, dass sich die Box-Ticker in der Regel selber darüber bewusst sind, dass ihre Tätigkeiten Ressourcen kosten und andere Prozesse verlangsamen. Beispielsweise bei bürokratischen Antragsformularen und Bewilligungen, die nach gewissen Abfolgen ablaufen und erst durch ganze Verantwortungsketten hindurchgereicht werden, bevor sie zu einem Entscheider gelangen.

Bullshitjob #5: Taskmaster

Hierbei unterscheidet der Professor in zwei Gruppen: Typ Nummer 1 hat die Aufgabe, andere zu überwachen und Arbeiten zuzuweisen. Sein Job ist dann ein Bullshitjob, wenn er selber glaubt, dass die untergeordneten Mitarbeiter eigentlich auch ohne ihn auskommen würden. Während dieser Typ Job einfach nur überflüssig ist, kann Typ Nummer 2 des Taskmasters aus Graebers Sicht sogar richtiges Chaos verbreiten: In seiner Arbeitszeit schafft er ganz neue Bullshit-Aufgaben und Bullshit-Jobs – die eigentlich keiner braucht.

Ist dein Job dann nicht auch ein Bullshitjob, Professor Graeber?

Deutlich wird in Professor David Graebers Artikel vor allem eins: Die kritische Haltung gegenüber dem Kapitalismus und der Wirtschaft und seine pauschalisierten Ansichten: „In der Tat kann ich nicht sagen, ob ich jemals einen Firmenanwalt getroffen habe, der seinen Job nicht für Job Blödsinn gehalten hat.“ Doch wer kann schon entscheiden, welcher Job wichtig für die Gesellschaft ist – und welcher nicht? Sicherlich würden einige Menschen den Beruf des Anthropologen auch nicht unbedingt als weltverändernd einstufen, denn das hängt stark von Perspektiven und Interessen ab. Das Image als lebensrettender Arzt mag in vielen Köpfen noch mehr wert sein als kleinere Jobs – doch diese direkt als sinnlos abzustempeln ist falsch.

Generell geht es wohl eher um einen Denkanstoß, der sich auch in Graebers Definition zu Bullshitjobs widerspiegelt: Es kommt darauf an, ob du das, was du tust, als sinnvoll empfindest. Also hey, jetzt ist der Moment um nachzudenken, ob dich dein Beruf erfüllt, oder du etwas anderes im Leben schaffen willst. Und einige Berufe wird es wohl auch 2030 noch geben, die nicht von technologischen Innovationen ersetzt werden können. Klar ist aber auch: Wenn man seinen vermeintlichen Bullshitjob gerne macht – so be it. Es muss nicht immer alles was glücklich macht, im Leben einen Sinn ergeben.

 

Quellen

[1] theguardian.com