„Der Weltfrauentag ist eine Stärkung für mich und meine Position.“ – Vertriebsleiterin ZEIT Verlag

In unserer Interviewserie „The future is…?“ gehen wir der Frage nach, wie Female Leaders die Arbeitswelt verändern und die Zukunft gestalten. Doch was macht eigentlich „weibliche“ Führung aus und brauchen wir Quoten und Feiertage für Frauen? Wir haben bei Christiane Paßers, Vertriebsleitung der ZEIT Verlagsgruppe, nachgefragt.

kununu: Du bist seit 1. Januar diesen Jahres Leiterin des Vertriebs beim ZEIT Verlag. Davor warst du ebenfalls in einer leitenden Position beim Textilunternehmen FALKE tätig. Deshalb meine erste Frage: Wie verändern Frauen in Führungspositionen aus deiner Sicht die Arbeitswelt?

Christiane Paßers: Ich glaube, dass die Art und Weise, wie Frauen führen, anders ist. Themen wie Empathie, Wertschätzung, Kooperation und der persönliche Bezug spielen eine übergeordnete Rolle. Mir geht es darum, die Menschen zu verstehen, mit denen ich zusammenarbeite, was sie bewegt, was ihre Stärken und Schwächen und ihre Ziele sind. Das schafft gegenseitig Verständnis und Vertrauen und führt zu einer höheren Motivation und zu Verbindlichkeit. Am Ende hat das Auswirkungen auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter und auf das Ergebnis der Abteilung. Frauen sind kooperativer und offener im Austausch mit anderen Fachbereichen. Das führt zu einer effektiveren Problemlösung. Außerdem glaube ich, dass Frauen weniger hierarchisch führen und anderen Meinungen gegenüber aufgeschlossener sind.

Diese Erkenntnis deckt sich auch mit unseren kununu Daten: Wir konnten positive Auswirkungen von einem höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen auf Unternehmenskultur und Zufriedenheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern feststellen. Doch könnte man deshalb sagen, dass Frauen die besseren Chefs sind? Und müssen sie das überhaupt sein?

Nein, das denke ich nicht. Ich glaube, dass es gleichermaßen Männer und Frauen in Führungspositionen braucht. Unterschiedliche Führungsstile und Eigenschaften von Team Leads sollten Platz in unserer Arbeitswelt haben. Dabei sind klare Kommunikation, Zielgerichtetheit und Effizienz genauso wichtig wie Empathie und Wertschätzung. Der Schlüssel zum Erfolg ist meiner Meinung nach die Kombination von beidem. Ich würde deshalb nicht behaupten, dass Frauen die besseren Leader sind. Ich glaube, dass es wirklich beides braucht und nur dann das beste Ergebnis erzielt werden kann.

Welche Herausforderungen gibt es als Female Leader?

Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, bei sich selbst zu bleiben und den eigenen Stil beizubehalten – auch wenn der Umgang in einem immer noch vorwiegend maskulinen Umfeld oftmals konkurrenzbasierter ist. Dabei ist es wichtig, auf die eigenen Stärken zu setzen und nicht zu versuchen jemand anders zu sein. Oder sogar einen „männlichen“ Führungsstil zu adaptieren, weil man denkt, dieser wäre akzeptierter. Auch wenn es Vorurteile gibt, dass Female Leadership eine weichere Führungsform ist und deswegen weniger effizient oder weniger erfolgsversprechend sei. Gerade dann ist es noch wichtiger, dem eigenen Stil und dem eigenen Gefühl treu zu bleiben und andere vom Gegenteil zu überzeugen.

Kannst du uns von einer Person berichten, die dich bei deinem Werdegang maßgeblich beeinflusst hat?

Auf jeden Fall. Ich habe das Glück gehabt, immer mit sehr fördernden Führungskräften zusammen zu arbeiten, die mich in meiner Arbeit auch absolut geprägt haben. Wenn ich an die jüngste Vergangenheit denke: Ich war neun Jahre bei der Firma FALKE und habe in dieser Zeit mit der Vertriebleiterin, an die ich berichtet habe, sehr eng zusammengearbeitet. Was mich bei ihrem Führungsstil so geprägt hat, war die Form von Zusammenarbeit – nicht nur im Team, sondern vor allem abteilungsübergreifend. Sie hatte immer im Hinterkopf: Was ist das Beste fürs Unternehmen und wie können wir uns gegenseitig helfen. Diese Einstellung hat dazu geführt, dass auch alle anderen Abteilungen im Unternehmen sehr kooperativ uns gegenüber waren.

Außerdem hat es mich geprägt, wie viel Freude sie daran hatte, ihre Mitarbeiter zu entwickeln. Sie hat nie Konkurrenz empfunden und immer auf Augenhöhe mit dem gesamten Team kommuniziert. Jeder hatte das Gefühl, wichtig zu sein und einen relevanten Beitrag zum Gesamterfolg zu leisten. Ich habe gelernt, wie sehr Mitarbeiter motiviert werden, wenn sie in Entscheidungsprozesse eingebunden sind.

Wenn du jetzt an den Beginn deiner Karriere zurückdenkst, welchen Tipp würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Mein Tipp lautet: Weniger ist mehr. Das heißt, die eigenen Ziele klar formulieren und dafür einen großen Teil der Energie aufwenden. Gleichzeitig frühzeitig relevante Kollegen und Fachbereiche einbinden und sich helfen lassen. Das ist effizienter als alleine über der Lösung zu grübeln.

Außerdem in sich und die eigenen Stärken vertrauen und einfach mal machen. Gerade junge Frauen neigen zu Selbstzweifeln. Es ist wichtig, das eigene Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren, aber die Energie sollte man besser in die Umsetzung stecken.

Denkst du, es gibt Strategien, die gerade jungen Frauen dabei helfen könnten, in ihren Organisationen eine wichtigere Rolle zu spielen?

Ich denke, es ist essentiell, sich ein starkes Netzwerk aufzubauen. In jedem Unternehmen ist unheimlich viel Kompetenz vorhanden. Manchmal geht es auch einfach darum, die richtigen Menschen zusammen zu bringen und dadurch etwas Größeres zu erschaffen. Ich habe selbst schon den Fehler gemacht, dass ich über bestimmten Themen zu lange gebrütet habe, um eine Lösung zu finden. Dabei ist es meistens leichter, mit Menschen aus verschiedenen Abteilungen ein Projekt zu besprechen. Denn nur so bekommt man einen Perspektivenwechsel und wertvollen Input. Ich glaube, dass es gerade Frauen leichter fällt auf andere zuzugehen und sich abteilungsübergreifend zu vernetzen und auszutauschen.

Der Weltfrauentag findet jedes Jahr am 8. März statt und ist erstmals ein Feiertag in Berlin. Was ist dein persönlicher Bezug zum Weltfrauentag? Und warum brauchen wir ihn überhaupt?

Der Weltfrauentag steht für die Rechte, die Frauen im letzten Jahrhundert erlangt haben und erinnert uns an den Weg hin zur Gleichberechtigung, auf dem wir noch sind. Zudem ist er ein Beweis dafür, das weibliche Qualitäten entsprechend wertgeschätzt werden. Dass der Weltfrauentag in Berlin nun ein Feiertag ist, unterstreicht die Wichtigkeit des Themas und sehe ich als positives Signal für alle Frauen, weiter für ihren Wert und ihre Rechte einzustehen.

Für mich persönlich ist es einfach eine Stärkung für meine Position und für mich als Frau. Ich finde es absolut wichtig, dass wir Gleichberechtigung anstreben und weiter ausbauen, dass wir eine ausgeglichene Führung haben und Führungspositionen gleich verteilt besetzt werden. Ich muss für mich aber auch sagen, dass ich in meinem Lebenslauf noch nie das Gefühl hatte, benachteiligt zu werden, weil ich eine Frau bin.



Der Weltfrauentag findet jährlich am 8. März statt. Doch wir wollen nicht nur an diesem Tag über Frauen in der Arbeitswelt und Gleichberechtigung sprechen, sondern starten mit diesem Interview in eine Serie voller spannender Gespräche. Ob Gründerinnen, Team Leads oder Vorstandsfrauen: Unser Ziel ist eine vielfältige Darstellung von weiblichen Führungskräften und deren Herausforderungen und Erfahrungen – abseits von Rollenbildern und Klischees.



Brauchen wir denn überhaupt eine gesetzliche Frauenquote in Wirtschaft und Gesellschaft?

Ja, einfach, um dem Ziel der Gleichbesetzung näher zu kommen. Ich glaube, dass es für die Durchsetzbarkeit auf jeden Fall notwendig ist.

Doch woran liegt es, dass es ohne Quote nicht funktioniert?

Es braucht ein klares Ziel und fixe Rahmenbedingungen. Menschen neigen dazu, das positiv zu bewerten, was sie kennen und ihnen vertraut ist. Daher tendieren Männer dazu, auch Männer für Führungspositionen einzusetzen. Es braucht daher fixe Rahmenbedingungen, die dazu zwingen, Frauen gleichermaßen zu berücksichtigen.

Die Frauenquote wird aber auch kritisiert. Welches Argument setzt du der häufigen Kritik entgegen, dass dadurch Frauen in Führungspositionen gelangen, obwohl diese vielleicht weniger geeignet wären als männlichen Kollegen oder Bewerber?

Es geht doch in der Regel nicht nur um die eine Führungsposition, die gesucht wird. Wenn ich beispielsweise fünf Führungspositionen in einem Unternehmen habe, dann habe ich immer noch für jede einzelne Position die Möglichkeit, diese durch männliche Bewerber zu besetzen, wenn ich der Meinung bin, dass diese am besten dafür geeignet wären. Ich denke, das ist ein Scheinargument und eine Ablenkung von der Thematik – mit dem Ziel die Quote zu umgehen. Ich bin auch dafür, dass der oder die fachlich Beste eingesetzt wird. Aber diese fachlichen Kompetenzen und Qualifikationen wird man bei Frauen genauso finden. Ich glaube nämlich, dass eine solche Situation real nicht stattfinden wird, in der es keine mindestens genauso geeignete Frau gibt.

Insgesamt liegt Gleichberechtigung auf Platz 3 aller 13 Bewertungskategorien auf kununu.com. Nun die Frage an dich: Von 1 bis 5 wie schätzt du den kununu Gleichberechtigungsscore in deinem Unternehmen ein?

Wir haben viele weibliche Führungskräfte im Unternehmen und genau das wird auch aktiv gefördert. Von daher denke ich, dass wir von unseren Mitarbeitern und der User Community auf jeden Fall einen Score von 4 haben sollten.

Aktuell liegt der Score der ZEIT Verlagsgruppe sogar bei 4,57 – im Durchschnitt aller Bewertungen wurde Gleichberechtigung auf kununu mit 3,67 bewertet. Wie man sieht, seid ihr ganz gut unterwegs, wenn es um Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung geht. Was wird in deinem Unternehmen getan und was machst du, um für mehr Diversität zu sorgen?

Super. Insgesamt ist die Unternehmenskultur sehr aufgeschlossen und divers. Das heißt, es gibt viele weibliche Führungskräfte, auch viele Mütter, für die flexible Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Außerdem gibt es bei der ZEIT den sogenannten „Wandel-Prozess“, dabei geht es darum, Themen wie Führungsstil und Feedbackkultur offen zu diskutieren und zu optimieren. Die Bereitschaft von der Geschäftsführung und der Chefredaktion, in den Dialog zu treten und Verbesserungen vorzunehmen, ist groß. Durch diesen Prozess habe ich das Gefühl, dass jeder hier im Haus die Möglichkeit hat, sich in Form von Workshops einzubringen und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen.

Was ich für mehr Diversität mache? Ich finde es wichtig ein Vorbild zu sein – mich für Themen und Menschen zu interessieren, die nicht nur etwas mit meinem eigenen Bereich zu tun haben und dadurch meinen Horizont zu erweitern.

Was müsste getan werden, um insgesamt mehr Diversität und Gleichberechtigung in der Arbeitswelt zu schaffen?

Ich glaube, was es grundsätzlich braucht, sind Wertschätzung und Vertrauen. Wenn Männer und Frauen sich auf beruflicher Ebene für ihre Leistungen mehr Wertschätzung entgegenbringen und sich auf neue Konzepte, auch Führungskonzepte einlassen, entstehen daraus positive Ergebnisse. Daneben braucht es Respekt. Und zwar Respekt für das Anderssein. Es geht nicht darum, dass immer Personen in einem Team oder einer Führungsposition sind, die genauso sind wie ich. Es wird doch erst spannend, wenn jemand anders ist als ich und so unterschiedliche Menschen zusammenkommen.