„Female Leaders verändern die Spielregeln der Männerdomänen“ – Christiane Noll über Frauen in der IT

In unserer Interviewserie „The future is…?“ gehen wir der Frage nach, wie Female Leaders die Arbeitswelt verändern und die Zukunft gestalten. Christiane Noll, Geschäftsführerin von Avanade Österreich, arbeitet schon lange in der IT und daran veraltete Strukturen aufzubrechen. Im Interview erklärt sie, wieso weibliche Role Models in Führungspositionen wichtig sind und welche Verantwortung ihnen zukommt.

kununu: Sie sind in der Geschäftsführung von Avanade Österreich, davor waren Sie bereits sechs Jahre lang in unterschiedlichen Führungspositionen bei Microsoft tätig. Wie nehmen Sie, als weibliche Führungskraft, die Männerdomäne IT wahr?

Christiane Noll: Das ist jetzt sehr allgemein formuliert, aber Unterschiede im Führungsstil von Frauen und Männern bemerke ich schon. Neben Qualitäten wie Empathie und Verständnis liegt mein Fokus vor allem darauf, andere Frauen zu fördern – Frauen aus dem Hintergrund in den Vordergrund zu holen. Dieses Phänomen beobachte ich auch in vielen anderen Unternehmen: Wenn Frauen in Führungspositionen sind, arbeiten dort wiederum mehr Frauen und werden viel stärker gefördert.

Woran liegt das?

Ganz einfach: Man achtet dadurch mehr auf andere Kolleginnen. Ich bin schon ewig in der Branche, ich bin quasi in der Männerdomäne IT aufgewachsen. Ob Kunden oder Kollegen: das sind zu 80 Prozent Männer. Das ist für viele immer noch a man’s world – die Richtlinien und Spielregeln sind von männlichen Strukturen geprägt. Und eben diese veralteten Strukturen gilt es aufzubrechen.

Wenn man zurück zu den Anfängen der Branche blickt, hat sich denn viel verändert im Vergleich zur aktuellen Situation?

Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Wenn Unternehmen stolz darauf sind 20 oder 30 Prozent Frauen im Unternehmen zu haben, finde ich das zwar eine gute Entwicklung – aber das Ziel ist für mich allerdings erst dann erreicht, wenn wir von 50 Prozent sprechen können.

Apropos Geschlechterverteilung in Führungspositionen: Wie stehen Sie zur Frauenquote?

Sehen wir uns mal die Top-Unternehmen in Österreich an: Wie viele Frauen sind in Führungspositionen? Der Anteil ist extrem gering. Wenn wir dann zusätzlich betrachten, , auf welcher Ebene Frauen in diesen Unternehmen tätig sind, wird schnell klar: Je weiter unten wir in der Hierarchie schauen, desto mehr Frauen, je weiter oben, also in die Führungsetagen, desto weniger – und das liegt keinesfalls daran, dass es nicht genug Frauen für Top-Positionen geben würde. Die Quote drängt dazu, zumindest über weibliche Kandidatinnen nachzudenken und schafft ein Bewusstsein für diese Thematik.

Außerdem können Female Leaders für andere wiederum ein Vorbild sein. Ich denke, dass die Role Model-Funktion von Frauen in Führungspositionen ein besonders wichtiger Faktor ist, der andere Frauen bestärkt. Vor allem wenn wir uns als Kolleginnen gegenseitig unterstützen.

Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen auch im Jahr 2019 immer noch. Ist Lohngerechtigkeit ein Thema – aus Ihrer Perspektive als Geschäftsführerin?

Ich bin sehr sensibilisiert, wenn es um faire Bezahlung geht und stelle dies auch sicher. Ich kann daher guten Gewissens sagen, dass ungleiche Entlohnung aufgrund von Geschlecht oder anderen Merkmalen bestimmt nicht der Fall ist.

Etwas, dass mir aber sehr oft – nicht nur in unserem Unternehmen auffällt – ist, dass Frauen oft viel leiser sind, als ihre männlichen Kollegen. Männer schreien öfter und lauter „Ich will mehr verdienen!“ Es wäre aber falsch aus solchen etablierten Verhaltensmustern eine reine Handlungsempfehlung für Frauen abzuleiten und zu sagen, „Ihr müsst lauter sein.“ Ich sehe da auch – oder vor allem – Führungskräfte in der Verantwortung, zu wissen was die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen und darauf einzugehen.

Auf unserer kununu Skala von 1 bis 5. Wie schätzen Sie den Score für Gleichberechtigung in Ihrem Unternehmen ein?

Der Score sollte bei 5 von 5 Sternen liegen, denn ich setzte mich sehr aktiv für die Themen Gleichberechtigung und Diversity ein – und das übrigens nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und der Schweiz.

Im Durchschnitt aller Bewertungen kommt die Kategorie Gleichberechtigung bei kununu auf 3,67. Der Gleichberechtigungsscore von Avanade Österreich liegt mit 4,73 deutlich darüber. Was machen Sie um Diversität zu fördern?

Mir ist es wichtig, weibliche Führungskräfte als Role Models zu fördern und damit auch nach außen zu zeigen, dass wir Gleichberechtigung und Diversität auch wirklich im Unternehmen leben. Ich bin auch davon überzeugt, dass es auf jeden Fall einen Unterschied macht, dass ich als Frau in der Geschäftsführung von Avanade Österreich bin.

Außerdem veranstalte ich eine Eventreihe, zu der Frauen aus verschiedenen Bereichen eingeladen werden, um über Themen rund um Diversität und Digitalisierung zu diskutieren. Das hilft sehr, um das Thema immer wieder in den Köpfen der Menschen zu positionieren und dafür ein Bewusstsein zu schaffen. Auf die Idee bin ich gekommen, als ich einmal selbst zu einer anderen Veranstaltung eingeladen war, bei der unter 70 Speakern nur sieben Frauen waren. Auf meine Rückfrage dazu meinte der Veranstalter, er würde nicht mehr weibliche Speaker finden. Daraufhin habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Gegenteil zu beweisen.

Wie könnte insgesamt eine gleichberechtigte Arbeitswelt entstehen?

Wenn unser Ziel die gleichwertige Behandlung von Frauen und Männer ist, dann müssten Mütter viel stärker gefördert werden. Sobald Frauen sich dazu entscheiden Kindern zu bekommen, beginnt in der Regel die Ungleichheit oder wird immens verstärkt. Ein guter Wiedereinstieg und die Förderung von berufstätigen Müttern in der Arbeitswelt müsste sichergestellt werden. Schließlich leisten Eltern und eben vor allem Mütter durch neues Leben, die wichtigste Arbeit zur Erhaltung unserer Gesellschaft. Um hier wirklich etwas zu erreichen, sehe ich ein Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft als unbedingt notwendig.

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