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Andreas Weck: „Es ist euer Leben, nicht das eures Chefs!“

Ein Artikel von t3n-Redakteur Andreas Weck war vor kurzem Thema von ganz schön vielen Diskussionen: Seiner These zufolge kommen die besten Mitarbeiter spät und gehen früh. Aber stimmt das wirklich? Wir haben nachgefragt, wieso sich die ungeliebten Überstunden trotzdem so hartnäckig im Arbeitsalltag halten und warum jeder, der bis spät nachts noch vorm Bildschirm sitzt, sein Zeitmanagement überdenken sollte.

kununu: Dein Text über Mitarbeiter, die spät kommen und früh gehen, hat ganz schön für Diskussionsstoff gesorgt. War das schon immer deine Einstellung oder hat dich erst die Arbeitserfahrung zum Umdenken gebracht?

Andreas Weck: Zunächst einmal wollte ich mit dem Text eben genau das erreichen. Ich wollte eine Diskussion darüber anstoßen, ob das, vor allem in Agenturen, fast schon Alltag gewordene früh kommen und spät gehen wirklich so viel besser ist als das Gegenteil. Ich persönlich glaube das nämlich nicht. Wer sein Tagwerk nicht in sechs bis acht Stunden unterbekommt, der hat entweder Probleme seine Prioritäten zu ordnen oder er wird ausgenutzt und sollte öfter auch mal „Nein!“ sagen.

Davon abgesehen bin ich ehrlicherweise aber auch etwas schlitzohrig und erledige zunächst immer die Aufgaben, die den größten Impact haben und lasse weniger wichtige Dinge auch mal nach hinten raus schleifen. Ich habe früh im Arbeitsleben erkannt, dass am Ende das Ergebnis zählt und nicht wie viel Zeit es gekostet hat, dort hinzukommen. Ganz ehrlich: Wenn etwas knallt, dann knallt es. Und wenn es geknallt hat, dann kann ich das MacBook auch mal früher zu klappen. Was soll denn an dem Tag noch kommen?

Hältst du dich an deine eigene These? Wann schlägst du in der Redaktion auf, wie lange dauert die Raucherpause, und wann heißt’s „Feierabend olé“?

An die These halte ich mich mal mehr und mal weniger. Zurzeit bin ich eher der Frühsaufsteher, weil ich die Ruhe bei der Themenrecherche genieße. Häufig sitz ich schon um 7 Uhr vor dem Bildschirm, checke die Nachrichtenlage in meinem Ressort und bringe kurze relevante News auf die Seite. Dann setz ich mich an längere Stücke, die echte Recherche brauchen. Kleine Kaffee- oder Zigarettenpause brauche ich gar nicht. Kaffee trink ich nebenbei am Tisch. Und von Zigaretten würde ich mir meinen Tagesablauf sowieso nie bestimmen lassen. Allein die Mittagspause ist mir wichtig. Wenn ich von daheim aus arbeite, koche ich, treffe mich mit Leuten zum Lunch, mach Besorgungen im Kiez oder gehe laufen. Im Büro quatsch ich gerne mal länger mit einem Kollegen, den ich lange nicht gesprochen habe. Tatsächlich bin ich in der Regel aber wirklich immer früh raus – meist gegen 16 bis 16:30 Uhr. Wichtig ist, dass ich der Zeit nicht hinterher renne. Dass ich alles easy unterbekomme. Arbeit gibt es natürlich genug, aber die ist auch morgen noch da.

Obwohl knapp 91 Prozent bei eurer Umfrage im Artikel gegen Überstunden als Leistungsindikator gestimmt haben, sieht die Realität ganz anders aus. Warum halten sich die ungeliebten Überstunden so hartnäckig im Arbeitsalltag? Liegt es eher an den Chefs oder an den Angestellten?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Es herrscht ein Klima der Angst, das von oben erzeugt und von unten geradezu panisch akzeptiert wird. Vielen Agenturen – über die schrieb ich ja in dem Beitrag – leben ja quasi nur noch von den Überstunden ihrer Mitarbeiter und die Chefs machen auch gut Druck, wenn ein Mitarbeiter es zu genau mit der vertraglich festgeschriebenen Arbeitszeit nimmt. Der Druck sieht dann so aus, dass angefangen bei Bloßstellungen im Team über Infragestellung der persönlichen Loyalität bis hin zur Kündigungen alles passieren kann. Dem setzen sich die wenigsten gerne aus und deshalb spielen die weniger mutigen Angestellten das Spiel auch mit. Die Mutigen lehnen sich irgendwann auf und steigen aus, um entweder als Freelancer oder inhouse in der Grafik oder im Marketing eines Konzerns zu arbeiten. Das eine bringt mehr Freiheit, das andere zumindest mehr Sicherheit.

Liefere unseren Lesern doch mal ein Argument, das sie ihr Zeitmanagement und ihre Büro-Anwesenheit komplett überdenken lässt.

Na, ganz einfach: Es ist euer Leben, nicht das eures Chefs! Niemand wird euch irgendwann auf den Grabstein schreiben, dass ihr ganz tolle Mitarbeiter wart, weil ihr besonders viele Stunden geschrubbt habt. Ihr werdet auch keine vollkommeneren Menschen, wenn ihr eure Zeit in einem Büro absitzt. Im Gegenteil. Wir alle wollen arbeiten und tun es in der Regel auch gerne, das geht mir nicht anders. Ich flippe völlig aus, wenn ich mal krank bin und einen Tag im Bett liegen muss. Aber die meiste Energie und größte Inspiration erreichen mich, wenn ich meinen Interessen außerhalb der Bürozeiten folgen kann. Erinnert euch mal selbst: Wie oft kam die zündende Idee beim Sport oder beim Pizzaessen mit Freunden? Und wie oft kam sie um 20 Uhr beim x-ten erschöpften Blick ins E-Mail-Postfach? Eben!

Das Thema Überstunden und Workaholics scheint dich in deinen Texten sehr zu beschäftigen. Woran liegt das?

Weil ich es im Bekanntenkreis ständig sehe und höre, wie unzufrieden die Menschen in ihrem Arbeitsleben sind. Die feiern den Freitag als ob ihnen jemand die Hand vom Hals nimmt und bekommen totale Beklemmungen, sobald der Sonntag zu Ende geht. Und dazwischen stressen sie sich, indem sie alles unter einen Hut kriegen müssen: Wohnung putzen, Zeit mit der Familie verbringen, Freunde treffen, Sport treiben und dann noch irgendwie für Erholung sorgen. Sich weiterbilden und mal ein Buch lesen will man ja auch noch. Die stressen sich so sehr, weil sie dafür in der Woche einfach keine Zeit haben. Und das muss sich ändern, wenn man nicht mit Mitte 30, Anfang 40 durchknallen will. Das Skurrile ist ja auch, wenn man mal mit Agenturchefs redet und die dritte Weinflasche geköpft wird, gestehen ziemlich viele ein, schon selbst mit Burnouts oder Panikattacken konfrontiert gewesen zu sein. Umso trauriger, dass die Unverbesserlichen ihre Leute trotzdem verheizen. Ich bin heilfroh, dass mein Arbeitgeber da nachhaltiger denkt und Talente aufbaut anstatt sie kaputt zu machen.

Obwohl New Work schon lange ein Trendbegriff ist, wissen manche noch immer nicht viel damit anzufangen. Was bedeutet es für dich?

Der New-Work-Begriff wurde von dem Sozialphilosophen Frithjof Bergmann begründet. Er kritisiert in dem Rahmen vor allem die Knechtschaft der Lohnarbeit und konzentriert sich auf eine neue Form der Freiheit des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt, die durch Technologie befördert wird. Für mich bedeutet New Work vor allem aber auch, dass sich sowohl Unternehmer als auch Angestellte als gleichberechtigte Partner wahrnehmen und sich gegenseitig dabei unterstützen, das Beste aus sich herauszuholen. Damit gehen für mich vor allem die Begriffe des Talent Managements und der persönlichen Entfaltung einher. Mitarbeiter werden nicht mehr nur als notwendige Ressource angesehen, um den Unternehmenserfolg zu sichern, sondern als Teilhaber des Ganzen. Wer sich den Begriff der Neuen Arbeit auf die Fahne schreiben will, sollte zuerst anfangen, das zu verstehen.

Hat die 40-Stunden-Woche bald ausgedient? Und wenn ja, wann?

Das ist halt echt schwer zu sagen. Sie ist in jedem Fall ein gesellschaftliches Konstrukt und kein Naturgesetz und kann, wenn man denn will, auch zu Grabe getragen werden. Im Sommer 2017 hat der Alibaba-Gründer Jack Ma prophezeit, dass wir in 30 Jahren nur noch vier Stunden pro Tag arbeiten. Der vorhin angeführte Frithjof Bergmann nimmt an, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft nur ein Drittel unserer Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen und uns ansonsten mit uns beschäftigen werden.

Insofern glaube auch ich persönlich nicht mehr an die 40-Stunden-Woche. Ich denke, dass sie ein Relikt aus Zeiten der Fabrikarbeit der 1900er ist, wo die Menschen sich nach Produktionszeiten richten mussten – wobei die damals von 40 Stunden natürlich nur träumen konnten. Wenn man sich mal anschaut, wie Menschen davor gearbeitet haben – nämlich nach der inneren Uhr –, dann wird klar, dass ein 9-to-5-Job eigentlich auch unnatürlich ist.

Ich denke, wir werden in Zukunft in vielen Branchen sehen, dass moderne Arbeitszeitmodelle vermehrt Einzug halten. Vor allem in digitalisierten Berufen, wo Maschinen die körperliche Arbeit zunehmend abnehmen und der Mensch sich auf geistige Arbeit beschränkt. Letzteres erfordert zwangsläufig freie Zeit für Kreativität und Originalität. Wer innovativ bleiben will, fördert eine derartig aktivierende Unternehmenskultur. Wer das nicht will, macht weiter wie bisher.

Apropos Arbeitszeitmodelle: Wie macht ihr das bei euch in der Redaktion?

Wir haben ein Gleitzeitmodell. Die Redakteure schlagen zwischen 7 und 10 Uhr auf und bleiben bis Feierabend, aber eigentlich nie länger, es sei denn, der- oder diejenige ist gerade im Tunnel und hat richtig Bock einen Artikel zu beenden. Die Zeit kann er oder sie dann aber jederzeit abbummeln. Es hat jedoch noch nie ein Chef von uns Überstunden verlangt. Und ich bin nun schon fast fünf Jahre beim t3n-Magazin – ich kann es also mit ziemlicher Sicherheit sagen. Je nachdem, wie die Kollegen drauf sind oder es die familiären Verpflichtungen zulassen, kommt der eine früher, der andere später. Auch da gibt es keine Vorgaben oder Schichtpläne oder so etwas. Es gibt Rahmenbedingungen und innerhalb derer arbeiten eigentlich alle meine Redaktionskollegen weitestgehend autonom und selbstbestimmt. Morgens wird der Tag besprochen und dann ab dafür!


Über den Redakteur:

Andreas Weck ist verantwortlicher Redakteur für das Karriere-Ressort beim t3n-Magazin. Als vorwiegender Remote-Worker arbeitet er von Berlin aus für das unabhängige Hannoveraner Digitalmagazin. Seine Themen rund um den Schwerpunkt der „Neuen Arbeit“ recherchiert er insofern ständig auch am eigenen Beispiel. Zuvor hat er als Silicon-Valley-Korrespondent von San Francisco aus gearbeitet und dort eindrucksvoll erlebt, wie in der IT-Branche dem Thema des Talent Managements oftmals völlig anders begegnet wird, als es die meisten klassischen Firmen hierzulande tun.

Andreas Weck t3n

 

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