Altenpflege

„Die Pflege bekommt in den nächsten Jahren ein riesiges Problem“ – Interview mit einer Altenpflegerin

Jutta G. (Name von der Redaktion geändert) ist 52 Jahre alt und arbeitet in Wien in der Altenpflege. Nach ihrer Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester hatte sie 1986 zunächst in der Akutpflege begonnen, jedoch nach der Geburt ihrer Tochter in die Geriatrie gewechselt. Im Interview mit kununu erzählt sie neben positiven wie negativen Veränderungen in der Pflege und dem Umgang mit so manchem schwierigen Bewohner auch davon, wie sie es schafft, dass die Menschlichkeit in ihrem Arbeitsalltag trotz Fachkräftemangel weiter überwiegt.

kununu: Wie kam es dazu, dass Sie in die Altenpflege gegangen sind? Würden Sie den Beruf wieder ergreifen?

Den Wechsel aus der Akutpflege in die Geriatrie habe ich aus persönlichen Gründen nach der Geburt meiner Tochter vollzogen. In den ersten Jahren im neuen Job war ich allerdings überhaupt nicht glücklich. Ich dachte: „Nein, die Altenpflege ist nichts für mich“. Jetzt bin ich 52 und kann mir beruflich nichts mehr anderes vorstellen. Gerade in der Akutpflege könnte und wollte ich heute überhaupt nicht mehr mithalten. Dort bleibt absolut keine Zeit für den Patienten. Aber auch so gehöre ich mit meinem Alter eigentlich zum alten Eisen.

Zum Beruf gekommen bin ich durch meine Mutter. Wir waren fünf Kinder und sie war nicht berufstätig. Durch uns Kinder hat sie versucht, ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Das war eben der Sozialbereich.

Sie sagten, dass Sie mit 52 Jahren in der Pflege zum alten Eisen gehören würden. Kommen so viele junge Nachwuchskräfte nach?

Ganz ehrlich: Mein Alter hat durch den Fachkräftemangel eigentlich keinen Wert mehr. Es ist einfach nicht mehr wichtig, jeder Bewerber mit guter Ausbildung wird unabhängig von dem Alter zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Sowieso gibt es in der Altenpflege fast nur noch Leute in meinem Alter. In Zukunft wird das noch zu einem großen Problem. In Wien gehen in 10 Jahren wohl 60 Prozent aller Mitarbeiter in Pension. Die jüngsten Mitarbeiter bei uns sind Anfang 40. Im letzten Haus, wo ich vorher war, waren 70 Prozent über 50 Jahre alt.

Gibt es dann niedrigere Anforderungen an den Nachwuchs? Wie versucht man, diesem Problem entgegenzuwirken?

Früher war es ja so, dass wir in Wien sehr viele diplomierte Krankenschwestern und dafür wenige Pflegehelfer hatten. Auf meiner letzten Station waren es 18 Leute, davon vier Diplomierte. Das kommt natürlich billiger. In Wien wird es künftig eine Ausbildung zum Pflegeassistenten geben. Der soll zwischen diplomierten Krankenpflegern und Pflegehelfern stehen, wird aber in der Realität vor allem für organisatorische Aufgaben zuständig sein. Es ist schwierig, weil ich schließlich vier Jahre die Krankenpflegeschule absolviert habe. Die Leute, die jetzt dann die neue Ausbildung zum Pflegeassistenten oder zum Pflegehelfer machen, stehen dann am Bett und bekommen dieselben Anforderungen und Aufgaben wie wir.

Verändert das schon jetzt den Arbeitsalltag?

Natürlich. Am Bett beim Patienten arbeiten hauptsächlich die Pflegehelfer. Das sind sehr, sehr viele Ausländer. Das ist natürlich nicht schlecht, aber da treten irrsinnig oft sprachliche Probleme auf. Sie verstehen dann oft den Wiener Bewohner nicht und gehen wieder. So lastet es natürlich am österreichischen Personal. Wir hatten immer zusätzlichen Personalaufwand, weil Verständigungsprobleme da waren. Wir erhalten kein Verständnis dafür, dass es ein Mehraufwand ist, wenn die Pflegehelfer den Bewohner nicht verstehen oder umgekehrt.

Das geht vermutlich auch zulasten der Patienten?

Auf jeden Fall. Man muss auch sagen, dass die Leute, die jetzt im Pflegeheim liegen, oft absolut kein Verständnis haben. Wenn ich in das Zimmer kam, dann haben die geschimpft: „Alles nur Chinesen, endlich eine Österreicherin.“ Ich musste die Lawine an Aufgaben aushalten, die ich dann von ihnen bekommen habe. Das konnten die Bewohner zum Teil nicht verständlich machen oder wollten es gegenüber der ausländischen Pfleger nicht. Das lassen einen die Bewohner auf eine manchmal sehr ablehnende Art spüren. Das ist ganz schwierig für die ausländischen Pfleger. Das hat mir dann oft so leidgetan, dass wir den Bewohnern klargemacht haben, dass das so einfach nicht geht. Heute bin ich da, morgen ist jemand anderes da. Wir erfüllen aber dieselben Aufgaben. Die Kommunikation ist schwierig.

Was war Ihre größte Herausforderung im Job?

Ich liebe Herausforderungen. Schon immer. Die ganz schwierigen Leute. Schwierig von der Mentalität, von der Art. Wenn andere gesagt haben nein, zu denen geh ich nicht mehr, dann bin ich hingegangen. Ich war immer sehr offen und habe immer gesagt, wenn es mir zu viel wird. Hören Sie zu, wir sind 28 Patienten und ich bin allein im Nachtdienst, ich kann mich nicht zerteilen. Wenn die Arbeit infrage gestellt wird, dann betone ich, dass wir genau wissen, was wir tun. Sowohl die Professionalität als auch die Menschlichkeit sind das A und O.

Gibt es noch eine persönliche Beziehung zu den Menschen, die man pflegt?

In der Altenpflege zunehmend mehr. Ich habe vor 20 Jahren angefangen und das war eine Katastrophe. Wir hatten eine Massenabfertigung in der Pflege. Später kam in der Geriatrie eine Wende. Es gab viel mehr Mittel, die Zeit und die Menschlichkeit wurden wichtiger. Die Freiheitsbeschränkungen haben sich zum Positiven verändert. Als ich angefangen habe, hatten wir zum Teil Durchgangszimmer, Acht-Bett-Zimmer. Heutzutage gibt es nur noch Ein- und Zwei-Bett-Zimmer. Jeder hat ein eigenes Bad. Man vereinsamt aber auch leichter.

Unter den Bewohnern gibt es kaum Kommunikation. Die hassen sich zum Teil gegenseitig und sind Konkurrenten. Sie schauen ganz genau, wie lange eine Schwester bei einem anderen Bewohner ist. Man muss den Bewohnern klarmachen, dass sie nicht so pflegeintensiv sind. Wenn es so weitergeht, dann wird aus dem Zweibettzimmer vermutlich wieder ein Vierbettzimmer. Momentan ist es wie in einem Hotel. Die Leute haben den kompletten Service pflegerisch und tolle Räumlichkeiten. Alles behindertengerecht. Es ist fast übertrieben.

Mittlerweile bestimmen der Bewohner und die Angehörigen in der Altenpflege. Wir dürfen uns absolut nichts erlauben, weil sonst ein Patientenanwalt kommt.

Es wird sich in den nächsten Jahren also vermutlich viel verändern?

Völlig egal, welche Partei gerade an der Macht ist. Gespart wird immer und immer mehr. Darauf müssen wir uns einstellen, das wissen wir aber heute schon. Die Anforderungen an das Pflegepersonal steigen. Wie das attraktiver gemacht werden soll, das weiß ich nicht. Schließlich verdienen wir durch den unregelmäßigen Dienst schon sehr gut. Ich glaube nicht, dass man das mit einer Gehaltserhöhung wettmachen kann. Ich bin in der Routine, ich habe manche Dinge schon tausend Mal gemacht. Aber junge Schwestern bekommen große Probleme. Die schaffen das zeitlich nicht mehr. Man kann sich nicht mehr in ein Zimmer stellen und 10 Minuten unterhalten. Wenn man in der Arbeit noch nicht sicher ist und noch länger braucht für die Arbeiten, dann wird das ganz schwierig.

Welche Maßnahmen sollte die Politik ergreifen?

(lacht) Mehr Personal einstellen. Es geht nur mit mehr Personal, aber Stellen werden reduziert. Wirtschaftlich formell wird gesagt, dass Pfleger und Schwestern gesucht werden. Eingestellt wird aber niemand. Stellen werden nicht mehr nachbesetzt. Wenn jemand bei uns in Pension geht, dann ist die Stelle sowieso drei Monate gesperrt. Drei Monate dauert es also, dass die Stelle überhaupt möglicherweise nachbesetzt werden könnte.

Hat das einen bestimmten Grund?

Nur Sparmaßnahmen. Aber da wird an der falschen Stelle gespart. Wir entscheiden das nicht, sondern die Politik. Die Gesamtsumme an Stunden wird immer weniger. Dadurch, dass dann auch mehr Krankenstände und Ausfälle vorhanden sind, kommt man aus dem Rad gar nicht mehr heraus. In den letzten zehn Jahre hatte ich nie ein Monat ohne Überstunden. Das wird alles sofort ausbezahlt. Tolles Geld, aber auf Dauer geht das auf die Substanz.

Wenn etwas nicht funktioniert, dann liegt das meistens nicht an den Führungskräften. Es ist sehr im Interesse der Führungspositionen, dass man immer offen reden kann. Der Druck kommt von der Politik. Die Führungskräfte wollen Stellen nachbesetzen, dürfen es aber nicht. Grundsätzlich hätte die Pflege eine tolle Zukunft, weil wirklich viele tolle Leute nachkommen. Viele sind auch voll engagiert, aber die strukturellen Verhältnisse werden immer schlechter.

Ist das der Grund, warum sich nur so wenige Menschen für das Berufsfeld Pflege interessieren?

Mitunter. In Österreich gab es Diskussionen zum 12-Stunden-Tag. Da können wir eigentlich nur lachen. Natürlich wird man am selben Tag in der Früh gefragt, ob man denn bleiben will. Die meisten Leute sagen dann ja, weil man bleiben muss oder den Kollegen zuliebe. Junge Schwestern, die Kinder haben, haben oft ein Problem. Von 30 Mal kann man einmal nein sagen. Meine Tochter ist erwachsen, deshalb ist mir das jetzt egal. Das Geld konnte ich immer gut gebrauchen. Aber der Geburtstag meiner Tochter, da war ich schon mehrmals sauer. Ich habe gesagt, jetzt hören Sie mir einmal zu. Ich brauche im Jahr vielleicht drei Tage frei, weil ich alleinstehend bin und nur ein Kind habe. Aber es geht nicht, dass ich am Geburtstag meiner einzigen Tochter nicht frei bekomme. Da war eine riesige Diskussion, aber ich bin in einem Alter, wo ich leichter nein sagen kann. Wenn aber die Führungskräfte bei drei Leuten nachfragen, ob sie für mich einspringen und alle nein sagen, wird es bei jemandem angeordnet. Kommt man nicht, ist es eine Dienstverweigerung.

Sie meinten, dass Sie eigentlich gut bezahlt werden. Ist das bei den Neueinsteigern ebenfalls so?

Nein. Die Verträge sind außerdem meistens befristet, unbefristete Einstellungen gibt es nicht mehr. Ich habe ein Bruttogrundgehalt von 2800 Euro. Das sind aber schon Spitzengehälter. Ohne die Zulagen ist es nicht viel. Ich arbeite an Wochenenden, in der Nacht und an Feiertagen. Hätte ich keine Zulagen, läge ich bei knapp über 2000 Euro. Mit einem Diplom. Früher konnte man sich aussuchen, ob man Zeitausgleich will oder die Überstunden ausbezahlen lässt. Jetzt wurde bei uns beschlossen, dass nur noch ausbezahlt wird, niemand kann auf Zeitausgleich gehen.

Wie geht man eigentlich mit älteren und pflegebedürftigen Menschen im Arbeitsalltag um?

Das ist natürlich keine tolle Arbeit. Achtzig Prozent der Arbeit drehen sich um Essen und Ausscheidungen. Der Umgang mit den Menschen hat sich aber total gebessert. Die alten Menschen werden ernstgenommen. Aber es sollten nicht die Bewohner über uns entscheiden dürfen. Menschlichkeit und Umgang ist mittlerweile das oberste Gebot. Keine Brutalität und professionelles Arbeiten.

Danke für das spannende Interview, Jutta G. !