Social Freezing

Den Kinderwunsch nach hinten verschieben (müssen) – das Phänomen Social Freezing

Häufig stehen Frauen vor dem Zwiespalt Kind oder Karriere. In den jungen Jahren ist die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden am größten, aber eben auch die Wahrscheinlichkeit befördert zu werden. Was könnte dir da helfen? Du kannst ja das Kinderkriegen nicht einfach auf unbestimmte Zeit verschieben. Oder? Doch. Mit Social Freezing scheint das zum ersten Mal möglich.

Social was?!

Social Freezing bezeichnet das Einfrieren von Eizellen bei ca. minus 196 Grad. Ganz schön kalt, oder? Dafür sind die Eizellen quasi unbegrenzt „haltbar“. Die Besonderheit daran? Der Eingriff geschieht aus sozialen Gründen. Als Facebook und Apple im Jahr 2014 bekanntgaben, ihren Mitarbeitern von nun an die Kosten für Social Freezing zu bezahlen, bekam das Thema erstmals große Aufmerksamkeit.  Eine Diskussion entbrannte – vor allem in den Medien. Sollen Frauen ihren Kinderwunsch aus Karrieregründen nach hinten verlegen? Mischt sich der Arbeitgeber da in die Familienangelegenheiten der Mitarbeiter ein? Oder ist Social Freezing überhaupt ein ganz normaler Benefit wie zum Beispiel mehr Urlaubstage oder Home Office?

Achtung Hormone!

Prof. Dr. Andreas Obruca, einer der beiden Leiter des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz in Wien, definiert den Begriff aus medizinischer Sicht: „Social Freezing steht für die Kyrokonservierung, also das Einfrieren, von Eizellen nach vorhergegangener Stimulation der Eierstöcke einer Frau.“ Heißt: Die Bildung der Eizellen der Frau wird hormonell angeregt, um möglichst viele der Eizellen entnehmen zu können. Für die Frauen ist das kein simpler Spaziergang, bei einer Überstimulation können sogar starke Bauchschmerzen auftreten. Nach zwei Wochen ist es dann soweit – bei einem ca. 15-minütigen Eingriff werden die Eibläschen abgesaugt. Ab damit in die Tiefkühlung! Nein, so schnell geht es leider nicht. Jetzt müssen die Mediziner die Eizellen beurteilen und kontrollieren, ob diese überhaupt schon reif sind. Dr. Georg Pagenstedt, Co-Gründer von FERTILA, ein Informationsportal für Paare mit Kinderwunsch, weiß: „Meistens werden nur zwischen 10 und 15 Eizellen wirklich eingefroren.“

Ab in die Zukunft!

Man kennt es zur Genüge: Bei uns werden neue Technologien mindestens 100 Mal aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet und hinterfragt. Internet? Brauchen wir nicht! Smartphone? Nein, um Gottes Willen! In den USA ist die Herangehensweise gerade bei medizinischen Themen wie Social Freezing eine ganz andere: „Wenn man es entwickeln kann, dann dürfen wir es auch nutzen“, schätzt Dr. Georg Pagenstedt die Einstellung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein.

Letztendlich sei auch das Einfrieren von Eizellen in erster Linie eine neue Technologie und vor allem auch eine weitere Möglichkeit – wie die Antibabybille in den 60er Jahren – für die Selbstbestimmung der Frau. Manchmal kann es sein, dass der passende Partner noch nicht dabei ist oder man vor dem ersten Kind auf der Karriereleiter nach oben klettern will. Prof. Dr. Andreas Obruca gibt darauf zu bedenken: „Es gibt technisch gesehen kein Limit. Das muss man sich selbst setzen und entscheiden, wann es noch verantwortlich ist, ein Kind zu bekommen.“ Aber auch: „Rational gesagt wissen wir, dass die Eizellen einer 25-jährigen Frau eine deutlich höhere Qualität haben als die einer 38-Jährigen. Das ist die Natur.“ Die Sicherheit für ein Baby gibt es mit dieser Methode trotzdem nicht. In seiner Kinderwunschklinik darf Obruca nur die Eizellen von Frauen einfrieren, bei denen eine medizinische Notwendigkeit dafür vorliegt: „Im Gegensatz zu Deutschland ist in Österreich das Einfrieren aus sozialen Gründen nicht erlaubt.“ Er schätzt den Bedarf auch noch eher gering ein. Eine Lobby sei noch nicht wirklich existent.

Des Weiteren erklärt Dr. Georg Pagenstedt: „Den Begriff Social Freezing gibt es in diesem Sinne sowieso nur bei uns. In den USA wird seltener zwischen sozialen und medizinischen Gründen für das Einfrieren von Eizellen unterschieden.“

Keine Wahl

Manchen Frauen bleibt aber gar keine Wahl – um überhaupt noch die Chance auf eigene Kinder zu wahren, müssen sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Frauen an Krebs erkrankt sind. Bestimmte Tumorarten haben nämlich direkten, negativen Einfluss auf die Produktion von Eizellen. Und als ob das nicht schon tragisch genug wäre, können auch die aggressiven Chemotherapien der Fruchtbarkeit der Frau schaden. Bevor die Behandlung beginnt, entscheiden sich viele Frauen dafür, ihre Eizellen entnehmen und einfrieren zu lassen. Prof. Dr. Andreas Obruca kennt die genauen Zahlen: „Ich würde sagen, dass das Einfrieren von Eizellen bei 95 Prozent der Frauen auf medizinische Gründe zurückzuführen ist.“

Der Druck steigt

Wir müssen Social Freezing auch aus ethischer Sicht betrachten. Du merkst: Es gibt viele Gründe, die für Social Freezing sprechen, aber auch einige Bedenken. Der Druck auf die Frauen in den Unternehmen könnte steigen und die Familienplanung zur öffentlichen Sache gemacht werden. Paare können in sehr hohem Alter noch Eltern werden. Babys, die aus einer 25-jährigen Eizelle entstanden, werden geboren. Die Langzeitfolgen für das Kind? Unklar. Schlussendlich ist Ethik aber immer individuell. Du kannst für dich persönlich entscheiden. Wenn du dich – vielleicht sogar gemeinsam mit deinem Partner – dafür entscheidest, deine Eizellen einfrieren zu lassen, musst du rund 3000 Euro für den Eingriff an sich kalkulieren. Für die Lagerung kommen jährlich um die 300 Euro an Kosten dazu.

 

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