Bleibt zu Hause

Die Corona-Infektionszahlen sind noch immer erschreckend hoch, neue Virus-Varianten verheißen eine weitere Verschärfung der Lage. Eine Folge: Die Arbeitswelt rückt ins Zentrum der politischen Diskussion um weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus - die Home-Office-Pflicht ist unausweichlich. Ohne Frage hat die klare Mehrheit der Unternehmen im Laufe der bisherigen Pandemie verantwortungsbewusst gehandelt. Doch gleichzeitig wird deutlich: Viele Arbeitgeber verharren in alten Denkmustern. Sie sind nicht bereit, ihre Unternehmenskultur grundsätzlich zu hinterfragen. Damit schneiden sie sich ins eigene Fleisch.

Eines vorweg: Es gibt Berufe, die sich nicht von zu Hause aus erledigen lassen. Das ist eine Binse. Gleichzeitig gibt es nachvollziehbare Gründe, die manche Arbeitnehmer veranlassen, vom Büro aus zu arbeiten. Wenn eine vierköpfige Familie den ganzen Tag mit zwei kleinen Kindern auf engstem Raum zusammen hockt, ist das Bedürfnis nach einem ruhigen und konzentrierten Arbeitsumfeld nachvollziehbar.

Home Office darf nicht an der Unternehmenskultur scheitern

Kritisch wird es dann, wenn Unternehmen potenzielle Home-Office-Möglichkeiten ohne hinreichenden Grund ausschlagen, es aus rein kulturellen Gründen ablehnen oder indirekten sozialen Druck auf Arbeitnehmer ausüben. Es mehren sich die Stimmen von Arbeitnehmern, deren Chefs der alten Schule angehören - und davon ausgehen, dass ihre Mitarbeiter zu Hause nicht arbeiten - von Verantwortlichen, die Corona nicht ernst nehmen, von Mitarbeitern, die sich nicht trauen, ihren Wunsch nach Home-Office beharrlich geltend zu machen. Wenn das Home-Office an der Unternehmenskultur scheitert, ist dies inakzeptabel.

Dass an dieser Stelle Potenzial verschenkt wird, ist offensichtlich. Laut Zahlen, die die Hans-Böckler-Stiftung für Deutschland ermittelt hat, ist der Anteil der Arbeitnehmer, die im ersten Lockdown im Frühjahr von zu Hause aus gearbeitet haben, fast doppelt so hoch wie im November. Und aus Bewegungsdaten von Google lässt sich schließen, dass Mitte Dezember viel mehr Menschen zur Arbeit fuhren als dies noch im März und April der Fall war. Frankreich und Belgien haben eine solche Home-Office-Pflicht im Oktober eingeführt. Das Ergebnis: Die Infektionszahlen sind signifikant gefallen.

Die Krise kann auch eine Chance sein

Auch die Schweiz hat sich als Vorreiter gezeigt. Hier hat sich laut Zahlen des Beratungsunternehmens Deloitte der Anteil der Beschäftigten, der pro Woche mindestens einen halben Tag von zu Hause arbeitet, etwa verdoppelt. Deshalb ist es positiv zu bewerten, dass Deutschland mit der SARS-CoV-2- Arbeitsschutzverordnung nachgezogen ist - und es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage in Österreich entwickelt. 

Die Politik kann diese Vorgaben nur in der aktuellen Ausnahmesituation rechtfertigen. Für die Unternehmen stellt sich jedoch auch langfristig die Frage: Wie hältst du es mit dem Home-Office? Die aktuelle Krise ist dabei auch eine Chance - eine Chance, das eigene Mindset, die eigene Unternehmenskultur und die bisherige Praxis in puncto Flexibilität und individuellen Lösungen kritisch zu beleuchten. 

Das Thema Home Office ist nur ein Baustein der Unternehmenskultur

Diverse Studien zeigen genauso wie die Daten von kununu: Flexible Arbeitszeiten gepaart mit der Möglichkeit, partiell von zu Hause aus zu arbeiten, stehen insbesondere bei der jüngeren Arbeitnehmergeneration ganz oben. Eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen setzt und die individuellen Bedürfnisse jedes Mitarbeiters einbezieht, wird auf Dauer gewinnen. Dabei ist das Thema Home Office nur ein Baustein von vielen und kein alleiniger Heilsbringer. Doch Unternehmen, die sich beharrlich weigern, neue Realitäten anzuerkennen, werden in einer Welt, in der die Anspruchshaltung von Arbeitnehmern und Bewerbern sichtbar steigt, auf langer Strecke die Verlierer sein.