Urlaub als Benefit
Benefit-Bluff: Warum unbegrenzter Urlaub zum Reinfall wird
„Nimm Urlaub, so viel du willst.“ Was nach dem perfekten Benefit klingt, entpuppt sich in der Praxis häufig als leeres Versprechen. Statt mehr Freiheit nehmen Beschäftigte mit sogenannten Unlimited-Vacation-Modellen oft sogar weniger Urlaub. Im schlimmsten Fall steckt hinter dem versprochenen Benefit nur heiße Luft.
Das Versprechen hinter Vertrauensurlaub
Die Idee ist einfach: Statt einer festen Obergrenze entscheiden Mitarbeitende selbst, wie viel Urlaub sie nehmen. Voraussetzung ist lediglich, dass die Arbeit erledigt wird und das Team mitzieht.
Bekannt wurde das Modell durch US-Unternehmen wie Netflix oder GitHub. Seit einigen Jahren taucht „Vertrauensurlaub“, „Unlimited PTO“ oder „unbegrenzter Urlaub“ auch in Deutschland immer häufiger als Recruiting-Benefit auf. Für Unternehmen ist das attraktiv: Der Begriff vermittelt Vertrauen, Eigenverantwortung und moderne Arbeitskultur.
Was die kununu-Daten zeigen
Eine Analyse der kununu-Bewertungen zeigt zunächst, wie selten das Modell in Deutschland noch ist. Die Begriffe „Vertrauensurlaub“ oder vergleichbare Formulierungen wurde nur bei 47 Unternehmen (in einem positiven Kontext) erwähnt.
Weitere Nennungen äußern nur den Wunsch nach unbegrenztem Urlaub. In Verbesserungsvorschlägen fordern Mitarbeitende etwa „flexible Urlaubsregelungen“ oder „Vertrauensurlaub“ – ein Hinweis darauf, dass der Benefit vielerorts gar nicht angeboten wird.
Die Kehrseite des versprochenen Benefits
Spannend wird es, wenn man die negativen Kommentare betrachtet. Beschäftigte berichten unter anderem,
- dass Vertrauensurlaub nachträglich durch zusätzliche Regeln eingeschränkt werde,
- dass Bonuszahlungen oder Krankheitstage indirekt beeinflussen, wie viel zusätzlicher Urlaub möglich ist,
- dass unterschiedliche Standorte oder Abteilungen unterschiedlich behandelt werden,
- oder dass unbegrenzter Urlaub zwar beworben werde, Genehmigungen in der Praxis aber kaum erteilt würden.
„They advertised unlimited vacation, but nobody ever got approved.“
Der große Haken: Mehr Freiheit führt oft zu weniger Urlaub
Dabei klingt die Logik zunächst überzeugend. Wer keine Obergrenze hat, müsste doch mehr Erholung nutzen. Studien zeigen jedoch das Gegenteil.
Eine Auswertung des US-HR-Anbieters Namely ergab, dass Beschäftigte mit unbegrenztem Urlaub im Durchschnitt sogar weniger Urlaubstage nahmen als Mitarbeitende mit einem klassischen Urlaubsanspruch.
Psychologinnen und Psychologen erklären das mit einem einfachen Mechanismus: Fehlt eine klare Orientierung, entsteht sozialer Druck. Niemand möchte derjenige sein, der „zu viel“ Urlaub nimmt. Statt der formalen Regel entscheidet plötzlich die Unternehmenskultur darüber, was als akzeptabel gilt.
Hinzu kommt der rechtliche Rahmen in Deutschland. Der gesetzliche Mindesturlaub bleibt selbstverständlich bestehen. „Unbegrenzter Urlaub“ bedeutet deshalb nie, dass Beschäftigte völlig frei über ihre Abwesenheit entscheiden können. Betriebliche Abläufe, Vertretungen und Genehmigungen spielen weiterhin eine Rolle.
Gute Idee – aber nur mit der richtigen Kultur
Vertrauensurlaub kann funktionieren. Einige Unternehmen kombinieren das Modell bewusst mit klaren Leitplanken, transparenten Erwartungen oder sogar verpflichtenden Mindesturlaubstagen, damit Beschäftigte Erholung tatsächlich nutzen.
Die Auswertung der kununu-Bewertungen legt jedoch nahe, dass der Benefit manchmal als Marketingversprechen wahrgenommen wird.