Ein Mann verschränkt die Arme, sein Kopf ist nicht zu erkennen.

Entrümpelter Lebenslauf: Anonym bewerben = gerechter?

Der ungewöhnlich klingende Name oder das falsche Gesicht – und schon kommt die Absage. Leider reichen Kleinigkeiten manchmal aus, um bei einer Bewerbung abgelehnt zu werden. Aber können anonymisierte Bewerbungen für mehr Chancengleichheit sorgen?

Hierzulande haben es Ayse und Zedar schwer. Ihre Bewerbungen werden besonders kritisch beäugt. Die identischen Unterlagen, diesmal abgeschickt von Peter oder Dominik, führen vergleichsweise eher zum Vorstellungsgespräch – das jedenfalls besagt eine Untersuchung des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) [1]. Laut der Studie ist die Diskriminierungsrate beim Aussortieren von Bewerbungsunterlagen leider ziemlich hoch. Besonders türkische Bewerber, alleinerziehende Frauen und ältere Menschen haben schlechte Karten: Trotz gleicher Qualifikationen wird ihnen ein Job verwehrt.

Nicht immer stecken böswillige Absichten der Personaler dahinter. Oft geschehen Beeinflussungen auch unbewusst, etwa durch tiefsitzende Vorurteile.

Entrümpelte Bewerbung

Mit anonymisierten Bewerbungen soll es fairer zugehen. Ziel dieser Methodik: Die Personalverantwortlichen sollen so nicht mehr auf Stereotype reinfallen, die sie mit bestimmten Namen oder Nationalitäten verbinden. Hierbei wird das sonst obligatorische Foto weggelassen. Gleiches gilt für Name, Geschlecht, Alter, Nationalität, Adresse, Telefonnummer, Hobbys, Familienstand und Jahreszahlen im Lebenslauf.

Ein anonymisierter Bewerbungsprozess kann aber in Summe nur gelingen, wenn sich alle Bewerber daran halten und zum Beispiel standardisierte Bewerbungsformulare eingesetzt werden. Eingehende Initiativbewerbungen müssen von einer dafür eingerichteten Stelle anonymisiert werden.

Pilotprojekt: Mit gutem Beispiel voran

Im Jahr 2012 testeten Unternehmen wie die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, L’Oréal, Procter & Gamble und das Bundesfamilienministerium das anonymisierte Bewerbungsverfahren. Ein Ergebnis des Pilotprojekts: Die Mehrheit der Personalchefs hatte kein Problem damit, dass persönliche Angaben in den eingereichten Bewerbungsunterlagen fehlten [2]. Einige gaben sogar zu, dass sie von Bewerbern im Vorstellungsgespräch überzeugt wurden, die sie ohne das anonymisierte Verfahren erst gar nicht eingeladen hätten.

Überzeugen beim Vorstellungsgespräch

Nach der anonymen Bewerbung ist vor dem Vorstellungsgespräch: Ist die erste Auswahl getroffen, läuft es weiter wie gehabt. Die Bewerber müssen im persönlichen Dialog punkten – für diesen Termin erhalten Personaler dann auch Einsicht in die vollständigen Unterlagen.

Deutschland hinkt hinterher

In Ländern wie der Schweiz, Frankreich und Schweden setzen immer mehr Unternehmer auf diese Inkognito-Bewerbungen [3]. In Belgien macht nahezu der gesamte öffentliche Sektor davon Gebrauch. Noch weiter voraus sind Großbritannien, USA und Kanada. Hier sind anonyme Bewerbungen längst Tagesordnung – in den USA etwa seit den 1960er-Jahren.

Nur der Tropfen auf den heißen Stein?

Kritiker bemängeln, dass das anonymisierte Verfahren für Bewerber mit wenig Erfahrung  ungeeignet ist, da sie noch nicht über ausreichend Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf verfügen, um sich hervorzuheben. Auch befürchten sie, dass Diskriminierung nur „verschoben“ wird: Sofern es ein Kandidat in die zweite Runde – also zum Vorstellungsgespräch – schafft, in der personenbezogene Daten bekannt sind, greifen spätestens an dieser Stelle die altbekannten Selektionsmuster.

Und welche Erfahrungen habt Ihr zuletzt bei Bewerbungsprozessen gemacht? Teilt uns Eure Erfahrungen hier anonym mit und tragt so zu mehr Transparenz bei.

Quellen: [1] [ebd.] [3]